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„Romantische Welten“ in Albertina: Nur nicht in den Abgrund schauen

Lebensstufen
Caspar David Friedrich "Die Lebensstufen", um 1834(c) bpk | Museum der bildenden K�nst
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Schroffe Klippen, trutzige Burgen, fromme Habsburger: Die Ausstellung "Welten der Romantik" zeigt uns, wohin die Weltflucht führen kann.

Ein Knalleffekt gleich zu Beginn: Da hängt der berühmte „Koloss“ (1818– 1825) aus dem Prado, von dem wir erst seit ein paar Jahren wissen, dass er wohl doch nicht von Goya selbst gemalt wurde, und trampelt hinweg über die Flüchtenden. Nein, als die Romantiker wirkten und werkten, war gar nichts heil, es herrschte Krieg, Vertreibung, Angst. Die französische Revolution und ihre Folgen hatte nicht nur Frankreich erschüttert: Europa brach auseinander – und Goya hielt das fest. Mit seiner Radierung „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“ etwa, die ebenfalls in der Albertina zu sehen ist, und mit seinen unfassbaren „Desastres de la Guerra“, die erst nach seinem Tod veröffentlicht wurden, denn soviel Realismus und so wenig Nationalismus war seinen Zeitgenossen schlicht nicht zuzumuten.

Einen Saal weiter scheint die Welt noch in Ordnung. Da sieht und hört man nichts von Krieg und Tod, nur von einem Richtungsstreit an der Wiener Akademie. Die klassizistischen Maler mit ihrer Wertschätzung der Antike waren den Künstlern rund um Friedrich Overbeck und Franz Pforr ein Graus. Sie machten sich selbstständig und gründeten 1809 den Lukasbund. Es war aber keine Flucht nach vorn, die sie antraten, sie lösten sich nicht von den Altvorderen, sondern wählten nur eine andere Epoche als Vorbild: Statt der Antike verehrten die auch Nazarener genannten Lukasbrüder und ihre deutschen Kollegen das Mittelalter als eine Zeit, da die Menschen noch eins waren mit sich, der Religion, der Natur, da noch nicht barocke Üppigkeit das Volk und seinen Geschmack verdorben hatte, und stattdessen klare Gotik – die man als urdeutsch vereinnahmte – die Gläubigen erhob. Die Bilder sprechen davon: Karl Friedrich Schinkels gotische Kathedralen wachsen in den Himmel, und das inmitten unberührter Natur, auf einem Felsen, am Meer.

 

Die Heimat, das Heimatliche

So feierten denn die Romantiker die Heimat und das Heimatliche: zum Teil zart und genau wie bei Philipp Otto Runge, der in wundersamen Scherenschnitten eine deutsche Pflanzenwelt festhielt, die er selbst nicht so genau kannte, weshalb er den Arbeiten Titel gab wie „Distelähnliche Blätter“ oder „Silenenähnliche Blüten“. Oder bei Friedrich Olivier, der 1823 übers Land wanderte und kleine Szenen zeichnete: Dorfbewohner, die sich vor dem Kirchgang noch zu einem Schwatz versammeln. Ein einsamer Friedhof. Ein Mann, der einen Baum pflanzt, während Frau und Kind beim Gatter auf ihn warten.

Zum Teil aber ist diese Hinwendung zu Heimat, Volk und Geschichte auch monströs: Die hier gezeigte Glorifizierung des Hauses Habsburg fällt – von einem anrührend andächtigen Aquarell Moritz von Schwinds von Kaiser Maximilian in der Martinswand abgesehen – pathetisch aus. Und wenn man sieht, wie Peter Cornelius von Siegfried erzählt oder Karl Russ von Tannhäuser – dann erinnert man sich an die Brüder Grimm. Diese hörten wirklich dem Volk zu, sie sammelten – und hoben dabei unglaubliche Schätze.

Vor allem aber verblüffen die Naturdarstellungen: Denn die wirken so gar nicht natürlich, dafür wirken sie viel zu hehr. Oft fällt das auf den ersten Blick auf, manchmal braucht es Recherche: Im Vorfeld der Schau hat Cristof Metzger, der die Ausstellung gemeinsam mit der im Juli verstorbenen Cornelia Reiter kuratiert hat, jenen Ort auf Rügen aufgesucht, den Caspar David Friedrich gemalt hat. Das Ergebnis: Nie und nimmer, zu keiner Zeit im Jahr, kann es sein, dass an diesem Punkt der Mond aufgegangen ist.

Bei Caspar David Friedrich zeigt sich, was die Romantik kann, wenn sie sich nicht auf die reine Behauptung der eigenen Frömmigkeit und Heimatliebe beschränkt: Warum berühren uns seine Arbeiten, wo wir vor denen seiner Kollegen oft nur distanziert die fein gepinselten Berge oder die nach allen Regeln der Kunst gestrichelten Flusslandschaften betrachten? Warum wirkt sein Fischerboot einsam? Warum ist die Sehnsucht ob der fortsegelnden Schiffe so groß? Ist es das Meer, der weite Horizont, der ihn und uns zwingt, über die nächste Bergkuppe hinaus zu sehen?

Die Albertina hat ein paar besonders schöne Gemälde und Blätter aus Leipzig und aus Münchner Privatbesitz bekommen, darunter winzige Zeichnungen von Ankern und Fischernetzen (1831–1839). Wenn man diese Arbeiten mit denen seiner Kollegen vergleicht, fällt auf: Bei Caspar David Friedrich ist der Mensch stets mitgedacht. Er wird über die Lichtung hinweg diesen früh verschneiten Weg entlanggehen. Er wird ans Ufer kommen, wird diese Reusen und Netze in die Hand nehmen und sein Tagwerk beginnen. Er ist da – und sei es nur als Betrachter, als Maler.

Dagegen wirken die Landschaften der Nazarener, all die mondbeschienenen Flüsse und Klippen wie Kulissen. Wer sieht sie an? Wer ist ergriffen? Es ist faszinierend, wie gefühllos diese Romantiker sein können.

„Welten der Romantik“: Albertina, bis 21. Februar, täglich von 10 bis 18 Uhr, mittwochs bis 21 Uhr; Kuratorenführung am 18. November.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.11.2015)