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Interview: "In Serbiens Medien herrscht eine Atmosphäre der Angst"

(c) APA/AFP/ANDREJ ISAKOVIC
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Der Journalist und Besitzer der serbischen Zeitung "Kurir", Aleksandar Rodić, bekräftigt seine Kritik an der serbischen Regierung.

Die Presse: Sie haben in einem Artikel Zensur und Druck auf Serbiens Medien angeprangert und damit für großes Aufsehen gesorgt. Was hat Sie dazu bewogen?

Aleksandar Rodić: Ich wollte nicht länger schweigen. Immer, wenn Medien die serbische Regierung kritisieren, geraten sie unter Druck. Das hat zu einer Atmosphäre der Angst geführt. Und es gibt Selbstzensur in den serbischen Medien. Zu Drohungen durch Regierungsfunktionäre kommt auch wirtschaftlicher Druck. Die Politiker üben Druck auf Unternehmen aus, keine Inserate in kritischen Zeitungen zu schalten. Das hat es leider auch schon bei früheren Regierungen gegeben. Nun ist der Druck aber noch höher als bisher geworden.

 

Aber haben Sie dafür auch Beispiele?

Wir haben Artikel über Korruption veröffentlicht. Dabei ging es auch um einen Geschäftsmann, der ein Freund von Premier Aleksandar Vučić ist. Es gab Druck auf uns, das nicht zu publizieren. Aber wir haben es trotzdem getan. Daraufhin wurden wir von der Zeitung „Informer“ und dem Fernsehsender Pink attackiert. Beide stehen der Regierung nahe. Sie haben eine Kampagne gegen uns gestartet und behauptet, dass wir für ausländische Interessen arbeiten, für die EU und die USA. Dass wir ausländische Spione seien und dass wir die Regierung stürzen wollen. Innenminister Nebojsa Stefanović hat dann auf einer Pressekonferenz diese Vorwürfe gegen uns sogar noch unterstrichen. Es gab danach Todesdrohungen gegen mich und meine Familie. Und schließlich haben „Informer“ und Pink auch meine Privatadresse veröffentlicht.

Warum sind Sie gerade jetzt mit Ihrem Vorwurf, dass die Regierung Druck ausübe, an die Öffentlichkeit gegangen? Das verwundert viele. Denn bis vor Kurzem haben Sie auch eine klare Pro-Regierungs-Linie vertreten. Was ist da passiert?

Wir haben die wirtschaftlichen Reformen unterstützt, den Prozess der EU-Integration, die regionale Versöhnung und all die anderen Projekte, von denen wir glaubten, dass sie die Regierung in Angriff nehmen wird. Aber wir können nicht erlauben, dass wir über Korruptionsaffären schweigen sollen und über andere Verfehlungen der Regierung. Ich wollte deshalb eine Botschaft an die Öffentlichkeit und meine Kollegen schicken, dass wir dem Druck nicht länger nachgeben und professionell arbeiten sollten.

 

Pink hat nun berichtet, dass Sie selbst in Unregelmäßigkeiten verwickelt seien. Sie behaupteten etwa, dass Sie vom Unternehmer Miroslav Bogićević eine Million Euro rund um den Verkauf von „Politika“ quasi „erpresst“ hätten.

Das ist natürlich eine Lüge. Das gehört zu ihrer Strategie, mich zu kriminalisieren. Die Person, die das behauptet hat, wurde nur einen Tag zuvor aus dem Hausarrest entlassen. Diese Person steht unter Kontrolle der Regierung. Nach meinem Artikel hat Pink ein spezielles Liveprogramm gestartet, mit dem Ziel, mich als Kriminellen hinzustellen.

Wie reagieren andere Journalistenkollegen auf Ihren Artikel über Zensur?

Alle haben Angst. Möglicherweise werden sie aber in den kommenden Tagen ihre Angst überwinden. Aber das dauert seine Zeit. Davor fürchtet sich aber die Regierung. Deshalb geht sie auch so auf mich los.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.11.2015)