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Medizin: Google nimmt sich der Herzen an

(c) APA/EPA/BORIS ROESSLER
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Der Megamulti steigt in die biologische Grundlagenforschung ein und will die Erkundung von Herzleiden mit einem Millionen-Projekt vorantreiben.

Gekleckert hat Google nie, auch in der PR nicht, und so präsentiert das Haus sein neuestes Projekt so: „1 Team, 1 Vision, $ 50,000,000“. Von den 50 Millionen kommt die eine Hälfte von Google – bzw. seiner Mutter Alphabet –, die andere von der American Heart Association (AHA), das ist eine Non-Profit-Organisation, die sich um die Gesundheit v. a. der Herzkranzgefäße kümmert, jeder dritte Todesfall in den USA kommt davon, dass sie mit Plaques verstopft sind.

„Wir könnten die Plaque-Bildung loswerden, oder besser noch, kranke Blutgefäße gegen gesunde austauschen“, umreißt AHA-Chefin Nancy Brown die Perspektiven. Und dass Google nun Geld dafür lockermacht, versteht sich als Teil der Diversifizierung der Geschäftsinteressen in alle Bereiche des Lebens, ist von der Strategie her allerdings gewagt: Dass eine so hohe Summe für ein einziges Projekt ausgelobt wird, das unter einem Chef höchst interdisziplinär zusammenarbeiten soll, „ist ein Präzedenzfall in der Biologie“ erklärt Joseph Loscalzo, Kardiologe in Boston und Mitglied der AHA (Naturenews 10. 11.), Vergleichen kann man ihn allenfalls mit den „X-Preisen“: Bei denen werden hohe Beträge ausgelobt, im Lunar X etwa 30 Millionen Dollar für den, der als erster Privater einen Roboter auf den Mond bringt, auch dieses Geld kommt von Google.

 

Kontaktlinsen messen Blutzucker

Der Erfolg ist durchwachsen, Lunar X läuft seit 2007, 24 Teams sind noch im Wettbewerb, zehn sprangen ab, das Ziel ist weit, die Deadline wird immer wieder verlängert (derzeit: 31. 12. 2017). Google hat also Nerven für waghalsige Wetten, aber natürlich setzt der Megamulti bei seiner alljährlichen Investition von einer Milliarde Dollar in Medizin nicht nur darauf, er kauft auch ganz klassisch und in großem Stil Expertise. 2012 war etwa der Elektroingenieur Brian Otis dabei, er wurde der University of Washington in Seattle abgeworben und hat das bekannteste medizinische Gerät von Google entwickelt, Kontaktlinsen für Diabetiker: Sie sollen in der Tränenflüssigkeit den Zuckergehalt messen, die Entwicklung ging gut voran, diesen Sommer ist Novartis eingestiegen und will das Produkt kommerzialisieren.

Für Otis liegt der Reiz darin, dass er sich „mit viel Ressourcen auf konkrete Fragen konzentrieren kann“. Das zieht auch andere an, die Kardiologin Jessica Mega (früher Harvard), die Biologin Cynthia Kenyon (früher UC San Francisco), im September gelang ein ganz dicker Fang: Thomas Insel wechselte vom Chefsessel des US National Institute of Mental Health (NIMH) zu Google Life Sciences, er will dort die seelischen Leiden ganz neu angehen („Naturenews“ 15. 9.).

Dabei geht es neben dem großen Geld um die großen Daten bzw. den Umgang damit – immer noch die Kernkompetenz von Google –, man könnte etwa zum Überwachen der Wirksamkeit eines Antidepressivums permanent den Schlaf des Patienten überwachen. Oder im Herz-Projekt eben die Herzen. Ähnliches hat Google schon in Kooperation mit Sanofi bei Diabetes auf den Weg gebracht, und (über die Google-Tochter Calico) mit AbbVie in der Altersforschung. Die Partner waren immer Pharmaunternehmen, auch das ist neu am jetzigen Schachzug mit der AHA.

Der wird in der Kardiologen-Szene auch misstrauisch beäugt: „Das ist das letzte große Leiden, für das Google noch keine Strategie hatte“, urteilt etwa Kardiologe Eric Topol (Scripss, La Jolla). Aber Google ist auf seinen Streifzügen nicht alleine, es trifft im neuen Feld auf alte Bekannte: Auch Apple und IBM haben sich der Gesundheit zugewandt, Facebook und Microsoft sind auch schon da.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.11.2015)