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Die Kremlkinder an den Futtertrögen

Putin
-(c) AFP (ALEXANDER ZEMLIANICHENKO)
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Familienangehörige der Elite sind in Russland medial tabu. Dabei haben die Kinder längst die Schaltstellen der Konzerne besetzt. Mit Papas Familiennamen lebt es sich prächtig.

Wien. Der Teufel ist los in Russland, seit die Agentur Reuters diese Woche ein Licht auf das Leben von Putins Töchter geworfen hat. Pikant sind vor allem die Details über die jüngere von beiden, die unter dem Tarnnamen Katerina Tichonowa den 1,7 Mrd. Dollar teuren Ausbau des Uni-Campus und einen Innovationsfonds leite, in dessen Kuratorium Putins KGB-Freunde sitzen. Zudem sei sie mit Kirill Schamalow verheiratet, dem Sohn von Putins Datschennachbar Nikolaj Schamalow. Kirill ist mit seinen 33 Jahren Milliardär, weil Großaktionär im Petrochemiekonzern Sibur.

Verwunderung löst das im Land noch lange nicht aus. Verwundern würde eher, wenn der Nachwuchs aus dem Establishment auf selfmade macht und nicht auf die Verbindungen der Eltern – in Russland vorwiegend des Vaters – zurückgreift. Von einem „neofeudalen System“ spricht daher der führende Oppositionspolitiker Alexej Navalny.

In der Tat. Wer im Windschatten von Putin im Laufe der vergangenen 15 Jahre aufgestiegen ist, weil er mit ihm entweder gemeinsam im KGB gedient, im Judoclub trainiert oder eine gemeinsame Datschenkooperative gegründet hatte, hat auch für seine Kinder alle Türen offen stehen. Ins Auge springt, dass der Nachwuchs in den vergangenen paar Jahren vor allem in staatlichen Konzernen und Banken Management- und Aufsichtsratsposten erhalten hat. Und dies, obwohl er meist noch nicht mal 30 Jahre alt war. Inzwischen sitzt er schier überall.

Halb zog es ihn dorthin, halb wurde er von seinen Vätern dort auch platziert, um so die Unternehmen einer zusätzlichen Kontrolle zu unterwerfen.

So Sergej Iwanow, Sohn des gleichnamigen Ex-Verteidigungsministers und heute Stabschefs im Kreml. Bis vor Kurzem war der Junior Vizechef der drittgrößten Bank Gazprombank, heute ist er Chef von Sogaz, dem zweitgrößten Versicherungskonzern, der seinerseits Konzerne wie Gazprom versichert. Sergejs Vize dort ist übrigens Putins Großneffe Michail Putin.
Vater Sergej Iwanow kommt wie Putin aus dem KGB und gilt heute als Nummer zwei in Putins politischem Beraterumfeld.

Berater Nummer eins – gerade in Belangen der momentan bedeutsamen militärisch gestützten Außenpolitik – ist Nikolaj Patruschew, ebenso Abkömmling des KGB, lange Chef des postsowjetischen Inlandsgeheimdienstes FSB und heute Präsident des Nationalen Sicherheitsrates. Sein jüngerer Sohn Dmitri war zwischendurch Vizechef der zweitgrößten und staatlichen Bank VTB, ehe er die Leitung der auf den Agrarsektor spezialisierten, staatlichen Rosselchozbank übernahm, Russlands sechstgrößter Bank. Sein älterer Sohn Andrej sitzt indes im Vorstand von Gazprom-Neft, Russlands drittgrößter Ölgesellschaft.

Think big

Think big, lautet offensichtlich das Motto: Der Nachwuchs drängt nicht in einen Mittelstandsladen, sondern in die Schlüsselkonzerne des Landes. Boris Kowaltschuk etwa, Sohn von Putins Datschennachbarn und milliardenschwerem Banker Juri Kovaltschuk, leitet den russischen Stromkonzern Inter RAO. Auch der jetzige FSB-Chef Alexandr Bortnikow hat seinen Sohn Denis an prominenter Stelle platziert: Und zwar als Vorstand der landesweit zweitgrößten und staatlichen Bank VTB. Ihr Chef, Andrej Kostin, hatte seinen Sohn, der später verunglückte, übrigens als Vizechef der Deutschen Bank in Russland untergebracht.

Der Reigen setzt sich fort. Michail Fradkow, zuvor russischer Botschafter in der EU, dann Premierminister und heute Chef des Auslandsgeheimdienstes SWR, hat zwei Söhne. Der ältere, Pjotr, ist Erster Stellvertretender Präsident des größten staatlichen Finanzvehikels Vneschekonombank und leitet dort das 2015 gegründet Russian Export Center zur Entwicklung der russischen Exportwirtschaft. Der jüngere Sohn, Pavel, wurde zum Vizechef der Staatlichen Agentur zur Verwaltung staatlichen Eigentums ernannt.

System hat Methode

Das alles schafft Klammern, die das Establishment zusammenhalten. Mitunter sogar durch Heirat nachgeholfen: Die Tochter des Aufsichtsratschefs im Gasriesen Gazprom, Viktor Sukow, ist mit dem ehemaligen Verteidigungsminister Anatoli Serdjukow verheiratet. Gleb Frank, der Sohn des ehemaligen Transportministers, hat die Tochter von Gennadi Timtschenko geehelicht, Putins Weggefährte aus Petersburgs Zeiten und aufgrund des Ölhandels einer der Reichsten des Landes. Der Chef des größten Ölkonzerns Rosneft wiederum, Igor Setschin, hat seine Tochter mit dem Sohn seinerzeitigen Generalstaatsanwalt und späteren Justizminister, Wladimir Ustinow, verheiratet.

Was nach Zufall aussieht, hat in Wirklichkeit Methode. „Vor einigen Jahren dachten wir, dass das alles einfach Vetternwirtschaft ist“, sagte Oppositionspolitiker Navalny in diesem Jahr einmal gegenüber der Financial Times: „Aber jetzt verstehen wir, dass dahinter eine langfristige Planung steckt. Er (Putin, Anm.) errichtet eine dynastische Regierung“.

Dabei hatte gerade Putin sich einen Namen dadurch gemacht, dass er die vormaligen Oligarchen der 1990-er Jahre vom politischen Thron gestoßen und auf ihre Plätze verwiesen, wenn nicht gar hinter Gitter gebracht hat. Durch die Hintertür freilich kam ein Dutzend neuer, die in den 90-er Jahren noch No-Names waren, heute aber gemeinsam mit ihren Familienmitgliedern die entscheidenden Stellen im Land besetzt haben. Ihr Vorteil: Sie haben direkten Zugang zum Kremlchef, „dostup k telu“ („Zugang zum Körper“), wie man in Russland sagt.

Familiennamen sind attraktive Adressen

Die Kinder selbst indes verdienen nicht nur in ihren neuen Hauptfunktionen, sondern auch mit der administrativen Ressource. Mit ihren Familiennamen nämlich gehören sie zu den attraktivsten Adressen für andere Geschäftsleute, um Angelegenheiten auf dem kurzen Dienstweg ganz oben zu regeln. „Reschalschiki“ heißen sie daher im Russischen - zu Deutsch: "Problemlöser". Der 33-jährige Kirill Schamalow etwa, Mann von Putins Tochter Katja, trägt diese Bezeichnung in der Szene, wie ein Chef eines russischen Privatkonzerns im Gespräch unter Zusicherung der Anonymität erzählt.

Leute wie Navalny fordern daher im Gespräch mit der „Presse“, dass die westlichen Sanktionen, auf deren Listen sich die meisten hier genannten Väter aus dem russischen Establishment befinden, auch auf ihre Kinder ausgeweitet werden müssten: „Das Vermögen ist nämlich meist auf Familienmitglieder registriert“.

In der Tat hat diese Praxis im Zuge der Sanktionen nur noch weiter zugenommen. So hat Putins Judo-Sparringpartner von Jugend an und nunmehriger Milliardär, Arkadi Rotenberg, im Vorjahr einen beträchtlichen Teil seiner Firmen auf seinen Sohn überschrieben, nachdem er selbst auf den Sanktionenlisten der USA und Europas gelandet war. Rotenberg gilt als „König der Staatsaufträge“ im russischen Bau und Pipelinebaugeschäft. Zuletzt geriet er verstärkt in die Medien, weil er laut US-Ermittlungsbehörden gemeinsam mit seinem Bruder Boris Milliarden über die Deutsche Bank möglicherweise unter Verletzung der Sanktionen ins Ausland geschafft haben soll. Mit im Transaktions-Spiel soll laut Ermittler auch ein Verwandter Putins gewesen sein. Ob es sich dabei um Putins Schwiegersohn Schamalow handelt, wie in Russland kolportiert wird, fand bis heute keine Bestätigung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.11.2015)