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Dem Terror überlegen sein

Dem Terror überlegen sein. Gibt es ein kläglicheres Bild als angebliche Gotteskrieger, die Wehrlose niedermetzeln? Europa muss zeigen, dass es sich nicht von seinem Weg abbringen lässt.

Die Gewalt gegen Wehrlose ist in besonderem Maß ehrlos. Sogar der Selbstmord am Ende macht mit seinem „Und ihr kriegt mich nie“-Gehabe die Feigheit der Anschläge von Paris nur noch größer. Sollten die Terrorakte tatsächlich das Werk von IS-Anhängern sein, kann man nur sagen: Was für eine verdrehte Logik haben die, die ihrer Sache nützen wollen, indem sie der Welt ein so klägliches und verachtenswertes Bild islamischen Kampfgeistes bieten?

Mir scheint der Schlüssel zum Verständnis dessen, was in Paris geschehen ist und sicher noch anderswo geschehen wird, nicht in der Logik des Krieges zu liegen, nicht in der Kultur des arabischen Raums und nicht in der Religion des Islam. Der Schlüssel ist die Faszination einzelner Menschen an der puren Gewalt, die immer irgendwelche Rechtfertigungen finden wird. Entsprechen nicht gerade die Kalaschnikow-Schießereien von Paris dem Habitus des organisierten Verbrechens, des natürlichen Habitats neurotischer Gewalttäter?

Solche Gewaltbiografien gibt es fast ausschließlich dort, wo ein Mensch selbst Gewalt erfahren hat. Das hat Relevanz, wenn man nach der richtigen Antwort auf die terroristische Gewalt sucht. Bloße Vergeltung nützt nichts. Verschärfte Überwachung kann einiges verhindern, reicht aber, wie Paris zeigt, nicht. Freilich wird man nicht umhin können, die wilde Einreise der Flüchtlinge, unter denen sich Terroristen mit ihren Waffen verstecken können, einer vernünftigen Kontrolle zu unterziehen.

Der Kampf gegen den Terror ist mit Investitionen in die Sicherheitskräfte nicht getan. Das Wichtigste scheint mir ein unbeirrtes Festhalten an der Kultur der Gewaltlosigkeit zu sein, die die Mission Europas in den vergangenen 70 Jahren war, und die keine Kultur der Ermattung, sondern der Weisheit ist. Gewaltlosigkeit ist aber nicht Passivität. Europa muss sich dringend überlegen, wie es der Gewalt im Nahen und Mittleren Osten auf eine Weise beikommen kann, die die Traumatisierung der dortigen Menschen nicht vergrößert, sondern beendet. Vielleicht rüttelt Paris ja Europa auf.

Was ich mir in dieser Stunde am meisten wünsche, freilich idyllische 1000 Kilometer von Paris entfernt, wäre eine Demonstration der inneren Stärke: dass die Menschen weitermachen wie bisher. Nicht ängstlich in den Häusern bleiben, sondern essen, trinken, Musik hören, Fußball schauen gehen. Solidarisch bleiben mit den Millionen friedfertigen Muslimen unter uns, auch jenen auf der Flucht. Wir Europäer müssen zeigen, dass der Terrorismus nicht wirkt, weil wir seinem Schrecken überlegen sind.

Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2015)