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Meteorit trifft Zweig

James Joyce sei ein „Verkehrtpuritaner mit quäkerischen Ahnen“, sein „Ulysses“ enthalte „keine zehn Seiten Herzlichkeit, alle sind sie zynisch, höhnisch“. So weit Stefan Zweig. Über Joyce und Zweig und Salzburg noch dazu: Anmerkungen zu einem disparaten Verhältnis.

Nahezu weltweit wird der 16. Juni, an dem James Joyce' Roman „Ulysses“ spielt, als „Bloomsday“ gefeiert, seit 1966 auch in Österreich, das mehrfach mit Joyce verbunden ist. In den vergangenen Jahren sind einige Briefe, Dokumente und Fakten wahrgenommen worden, die einzelne weiße Flecken in Joyce' Leben und Werk in rot-weiß-rote verwandelt und vermeintlich Bekanntes in neues Licht gerückt haben: So belegen etwa unveröffentlichte Briefe, dass Joyce und Stefan Zweig einander zwar öfter geschrieben haben, als bekannt war, sie einander aber auch ferner gestanden sind, als Zweig in seiner „Welt von Gestern“ glauben macht.

Anders als Zweig, der Joyce in Briefen öfter erwähnt, hat sich Joyce nie über seinen gleichaltrigen Kollegen geäußert. Nahezu alles, was über ihre Verbindung überliefert ist, stammt von Zweig, dessen Sicht Richard Ellmann in seiner umfassenden Joyce-Biografie übernommen hat. Die literarisch interessierte Öffentlichkeit weiß daher, dass die beiden Autoren einander 1918 im Zürcher Exil kennengelernt haben, wo Zweig seinem Kollegen brieflich versprochen hat, sich für die deutschsprachige Aufführung des Theaterstücks „Exiles“ einzusetzen, das Joyce dem damals in Rüschlikon bei Zürich lebenden Zweig zugeschickt hat.

Dieser bedankt sich am 12. September 1918 brieflich für die Zusendung des Schauspiels, das er eine „große künstlerische Offenbarung“ nennt. Weiters versichert er Joyce, alles zu tun, was für die deutschsprachige Aufführung getan werden kann, die seiner Überzeugung nach sofort nach dem Krieg an einer führenden Bühne möglich sei. Zudem bekundet er Interesse an weiteren Büchern von Joyce, dessen Bekanntschaft er machen möchte, weshalb er ein Treffen anregt.

Einen Monat später, am 10. Oktober 1918, hält Zweig seine Eindrücke der Begegnung im Tagebuch fest. Die Art, wie er seinen Kollegen beschreibt, klingt wenig schmeichelhaft: Er nennt ihn „spießig, scharf, klug, aber sehr quaint“, was „wunderlich“, „drollig“, „kurios“, „seltsam“ und „merkwürdig“ bedeutet. Er schimpft Joyce, der ihm „sonderlingshaft“ scheint, einen „Ichnarren“ und vergleicht ihn mit einem Höhlenbewohner. Bei Details widerspricht die Tagebucheintragung jener Schilderung, die Zweig zwei Jahrzehnte später in der „Welt von Gestern“ bietet. Dort betont er eigens, dass er 1918 noch nicht gewusst habe, dass Joyce, der ihm im Kaffeehaus aufgefallen sei und als „ein sehr begabter englischer Dichter“ vorgestellt wurde, schon damals am „Ulysses“ gearbeitet habe.

Weiters beteuert er in seiner Autobiografie, dass er Joyce' Schauspiel sogar ins Deutsche „übersetzen wollte, um ihm zu helfen“. Diese Absicht muss Joyce entgangen sein, da er sonst dieses Angebot sicher wahrgenommen hätte, da Zweigs Übersetzung gewiss mehr öffentliche Aufmerksamkeit erhalten hätte als jene der völlig unbekannten Hannah von Mettal. Brieflich verbürgt ist allein Zweigs Zusage, sich nach Kriegsende und Vorliegen einer deutschsprachigen Übersetzung für die Aufführung von „Exiles“ zu engagieren, worauf Joyce 1919 und 1920 in unveröffentlichten Briefen zurückkommt.

Nachdem Joyce im März 1919 „Exiles“ ins Deutsche hat übersetzen und drucken lassen, sendet er am 24. April 1919 Zweig gemeinsam mit ausgewählten Besprechungen ein Exemplar von „Verbannte“ mit der Bitte zu, dieses einer österreichischen Bühne zu empfehlen. Joyce erklärt, dass eine österreichische Aufführung für ihn eine besondere Ehre wäre, da er in Österreich viele glückliche Jahre verbracht habe. Knapp drei Monate später findet am 7. August 1919 am Münchner Schauspielhaus die deutschsprachige Uraufführung von „Verbannte“ statt, der Aufführungen in Stuttgart, Wien und Zürich folgen sollten, aber nicht folgten. Als im April 1920 die italienische Übersetzung des Schauspiels vorliegt, bittet Joyce, der inzwischen in seine früher österreichische, nunmehr italienische Wahlheimat Triest zurückgekehrt ist, Zweig am 1.Mai1920 erneut brieflich, sich für eine deutschsprachige Aufführung einzusetzen. Der förmliche Ton der knapp wiederholten Bitte sowie die Frage, ob Hoffnung für eine österreichische oder deutsche Aufführung bestehe, legt der Nachwelt nahe, dass Zweig auf Joyce' ersten „Exiles“-Brief ebenso wenig reagiert hat wie auf den zweiten, zu dem gleichfalls keine Antwort überliefert ist.

Die Vermutung des Joyce-Biografen Ellmann, dass es Zweig war, der in Sachen „Exiles“ „wohl auch dazu beigetragen habe, eine deutsche Übersetzerin, Hannah von Mettal, für die Arbeit zu gewinnen, und der später auch die Aufführung in München förderte“, wurde von der literarischen Öffentlichkeit und der Forschung gläubig nachgebetet. Im Lauf der Jahrzehnte hat sie den Status einer Gewissheit erhalten, obwohl die entsprechende Korrespondenz dieser langlebigen Legende widerspricht: Weder bedankt sich Joyce für Zweigs Engagement, noch erwähnt er dieses mit einem einzigen Wort. Selbst Zweig vermerkt nirgends, dass er die deutschsprachige Übersetzung, deren Uraufführung sowie die erwogenen Folgeaufführungen initiiert oder gefördert habe.

Die Frage, ob Zweig die beiden „Exiles“-Briefe tatsächlich unbeantwortet ließ oder ob seine Antwortbriefe nur verschollen sind, bleibt offen. Gerne genannt, aber gleichfalls im Dunkeln bleibt auch Joyce' mehrfach verbürgter Besuch in Zweigs „Villa Europa“, der 1928 dem Zufall zu verdanken ist, dass Joyce und die seinen länger als geplant in Salzburg geblieben sind, da seine Augenerkrankung und eine Hitzewelle die frühere Abreise vereitelt haben. Joyce hat Zweig weder Ankunft noch Aufenthalt mitgeteilt, und nichts deutet darauf hin, dass die beiden einander zwischen Joyce' Ankunft (23.Juli) und Zweigs urlaubsbedingter Abreise (25. Juli) getroffen haben.

Tatsächlich ist Joyce nicht wegen Zweig nach Salzburg gekommen, sondern hat diesen erst gegen Ende des fünf Wochen dauernden Aufenthaltes besucht, was genau datierbar ist, da er Zweigs „Ulysses“-Exemplar mit folgender Widmung versehen hat: „To Stefan Zweig / James Joyce / Salzburg / 27 August 1928“. In einem Brief an Romain Rolland erwähnt Zweig am 31. August Joyce' Besuch und zeigt sich beeindruckt, dass dieser trotz schwerer Augenleiden die Arbeit an seinem Werk beharrlich fortsetzt.

Zweien seiner Salzburger Bekanntschaften lässt Joyce durch seine Pariser Verlegerin Sylvia Beach ausgewählte Werke zusenden: Der Salzburger Schriftsteller Adolph Johannes Fischer sowie der britische Schriftsteller John Drinkwater erhalten je eine aktuelle Ausgabe der Avantgarde-Zeitschrift „transition“ mit der jüngsten Episode aus „Work in Progress“. Drinkwater wird zudem für ein Freiexemplar der De-luxe-Ausgabe von „Anna Livia Plurabelle“ vorgemerkt. Dagegen wird Zweig, der kurz nach dem Salzburger Treffen in der „Neuen Rundschau“ seine „Anmerkung zum ,Ulysses‘“ veröffentlicht, weder mit einer Erwähnung noch mit einer Aufmerksamkeit bedacht. Diese Unterscheidung deutet einen Vorbehalt an, den auch Zweig thematisiert, wenn er in seiner „Welt von Gestern“ „das Abwehrende“ als eine Joycesche Eigenschaft ausgibt.

Zweigs „Anmerkung“, die kaum Informationen über Personen, Handlung und Themen des „Ulysses“ bietet, ist nicht geeignet, die bestehende Distanz zu verringern. Er sieht in Joyce einen „zerquälten Menschen“, „fanatischen Iren“ und „Verkehrtpuritaner mit quäkerischen Ahnen“, der in der Literatur seinen Hass auslebe: „Hier entlädt sich ein Mensch nicht nur im Schrei, nicht nur im Hohnwort und in der Grimasse, sondern aus allen seinen Eingeweiden leert er seine Ressentiments aus, er vomiert seine Gefühlsrückstände mit einer Wucht und Vehemenz, die redlich erschauern macht. Der genialste Bluff im Einzelnen kann nicht die ungeheure Gefühlsergriffenheit dieses bebenden, dieses vibrierenden, dieses schäumigen und fast epileptischen Temperaments verdecken, mit dem hier ein Mensch sein Buch in die Welt erbricht.“

Eine ähnliche Mischung aus Kot, Erbrochenem und Von-Sinnen-Sein wurde 1922 von der „Sporting Times“ bemüht, als sie Joyce als „pervertierten Irren“ und „Ulysses“ als „Latrinenliteratur“ geschmäht hat, die „einem Hottentotten Brechreiz verursachen würde“.

Die Behauptung, „Ulysses“ biete „keine zehn Seiten Herzlichkeit, Hingebung, Güte, Freundlichkeit, alle sind sie zynisch, höhnisch“, ignoriert, dass die Hauptfigur als hilfsbereit, fürsorglich, mitfühlend, nachsichtig und versöhnlich beschrieben wird. Die Unkenntnis dieser charakteristischen Züge Leopold Blooms gibt zu verstehen, dass Zweig das Werk besprochen, aber nicht komplett gelesen hat.

Außer der anschaulich formulierten Beschreibung jener Sonderstellung, die Joyce' Spätwerk in der Weltliteratur einnimmt („ein Mondstein, kopfüber in unsere Literatur gefallen“), enthält Zweigs missglückte Besprechung wenig Greif- und Begreifbares. Die Distanz der beiden Autoren lässt sich auch daran ablesen, dass Zweig seine „Anmerkung“ Joyce weder zugesandt hat noch zusenden ließ und auch Joyce sich im April 1929 nicht direkt bei Zweig, sondern beim deutschen „Ulysses“-Übersetzer Georg Goyert erkundigt, wo denn Zweigs Besprechung erschienen sei.

Sigmund Freud ist 1936 Anlass der nächsten Kontaktaufnahme, die erneut durch Zweig erfolgt, der Joyce für ein Proponentenkomitee gewinnen möchte, das anlässlich von Freuds 80.Geburtstag eine von Zweig entworfene und von Thomas Mann ausformulierte Grußadresse vorbereitet. Joyce' Teilnahme an der Dankadresse ist gemeinsam mit seiner Unterstützung des „Aufrufes zur Gründung einer Adolf Loos-Schule“ (1930) eine Verbindung mit Österreichs Moderne, die der Joyce-Forschung lange entgangen ist. Dagegen führt die psychoanalytische Sekundärliteratur Joyce seit Langem als Unterstützer der Geburtstagsadresse an, ohne aber die besondere Nuancierung seiner Ehrerbietung zu kennen: Joyce hat die Geburtstagsadresse nur als gewöhnlicher Gratulant unterstützt und entschieden Zweigs Einladung abgelehnt, dem erlauchten Proponentenkomitee anzugehören, das aus Thomas Mann, Romain Rolland, Jules Romains, H. G. Wells, Virginia Woolf und Stefan Zweig bestand.

Diesem Austausch folgten keine weiteren Begegnungen oder Korrespondenzen zwischen Joyce, der am 13.Jänner 1941 im Zürcher Exil gestorben ist, und Zweig, der Ende Februar 1942 in seinem brasilianischen Exil Selbstmord begangen hat. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.06.2009)