Die Revolution im Himmel

Anhand zweier Neuerschei- nungen: über den „Pull-Faktor“ und die Frage, ob die Spuren von Spanienkämpfern noch ins Heute führen.

Gert Hoffmann ist 92 und viel unterwegs. Hat man ihn endlich in der Leitung, stellt sich heraus, er hockt nicht in seiner Wohnung in Markt Piesting, sondern im Schnellzug nach Udine, um bei der Enthüllung einer Gedenktafel für Partisanen dabei zu sein. Oder er besucht gerade eine seiner Töchter in Mexiko, Athen oder Cagliari, oder weiß der Kuckuck wo noch. Oder er nimmt an Feierlichkeiten zu Ehren der Internationalen Brigaden im katalanischen Corbera teil. Oder es verschlägtihn zum Sommertreffen des Vereins „Kämpfer und Freunde der Spanischen Republik“ in die gesamtdeutsche Provinz. Oder er präsentiert auf der Leipziger Buchmesse seine Lebenserinnerungen, die er stur und sperrig als Zeitablaufschilderung bezeichnet. Er hat sie vor mehr als zehn Jahren mit einem Satz abgeschlossen, der seine Neugier und Unrast hinlänglich erklärt: „Ich kann mich nicht damit abfinden, dass es unmöglich sein soll, der Gerechtigkeit in dieser Welt zum Durchbruch zu verhelfen.“ Wer Gerechtigkeit will, kommt eben nicht umhin, sich anderswo nach Gerechten umzusehen.

Auffallend ist, wie stark Hoffmanns Biografie von denen der meisten Spanienfreiwilligen abweicht. Allein schon wegen seines Elternhauses, einer begüterten Wiener Anwaltsfamilie, die zwar sozialdemokratisch gesinnt war, aber keinen Anlass sah, sich auf die Seite der Bedrängten zu schlagen. Trotzdem hat er seine Spielgefährten nicht im bürgerlichen Ober St. Veit, sondern unter denKindern einer nahen Barackensiedlung gefunden und bereits 1924 Mussolini und Seipel „unversöhnlichen Hass“ geschworen. Beim Aufruhr und seiner blutigen Niederschlagung im Gefolge des Justizpalastbrandes, drei Jahre später, war er als Zehnjährigerzwar nicht dabei, „in Gedanken marschierte ich aber schon mit“. Von seinem Vater, schreibt er, habe er diese Orientierung sicher nicht mitgekriegt. „Doch funktionierte offenkundig ein Mechanismus, der bei meinem Bruder und mir bei jedem Unrecht, das uns bekannt wurde, intuitiv eine Gegenreaktion auslöste“ und beide zum Kommunistischen Jugend-Verband führte. Im Februar 1937 aus der Schulbank heraus verhaftet, wurde Gert Hoffmann wegen Vorbereitung zum Hochverrat, Aufwiegelei und Verteilen illegaler Flugschriften zu fünf Jahren schweren Kerker verurteilt. Schon die Begegnungen während der Untersuchungshaft, mit Dieben, Geldschränkern, Prostituierten, waren ihm nützlicher, jedenfalls kurzweiliger erschienen als die im Gymnasium abgesessenen Schulstunden, die er durch zweimaliges Sitzenbleiben allerdings auch verlängert hatte. Dank der Amnestie für politische Häftlinge kurz vor dem sogenannten Anschluss freigekommen, flüchtete er nach Brünn. Hier,in seiner ersten Exilstation, wurde der Hunger zu Hoffmanns ständigem Begleiter. Das Bedürfnis, sich endlich einmal satt zu essen, durchzieht als heimliches Leitmotiv die Erinnerungen an „mein 20. Jahrhundert“, das er mit der Unterzeichnung des österreichischen Staatsvertrages im Mai 1955 allzu früh enden lässt.

Zwischen die Schilderung seiner Lebensumstände schiebt sich immer wieder die geraffte Darstellung der weltpolitischen Ereignisse. Sie haben ihn geprägt, im Guten wie im Bösen. Aber seine Entscheidungen hat Gert Hoffmann im Wesentlichen selbst getroffen; er war kein Spielball fremder Mächte, auch wenn der Zufall bestimmend dafür war, dass er als deklarierter Kommunist und als konstruierter Jude (dem das Judentum nie etwas bedeutet hat) mit heiler Haut davongekommen ist. Das erklärt den heiteren Grundton seines Erzählens, den man unwillkürlich mit südländischer Lebensweise verbindet, vielleicht auch deshalb, weil zuerst Italien, dann Spanien, und natürlich Frankreich, für Hoffmann so wichtig geworden sind; in Italien hat er sich zum ersten Mal verliebt, nach Spanien hat ihn seine politische Sehnsucht getrieben, in Frankreich hat er mit Glück, Mut und Verstand die Nazizeit überlebt. Kurios ist, dass Hoffmann trotz seines unbändigen Willens, am Kampf gegen den Faschismus teilzunehmen, gar nicht richtig zum Einsatz gekommen ist: In Spanien traf er erstim Sommer 1938 ein und wurde bald daraufdemobilisiert, und in Frankreich, wo er sich bei den deutschen Besatzern einschleusen ließ, bestand seine Widerstandstätigkeit vor allem darin, Tankattrappen zu zimmern und österreichische Wehrmachtssoldaten in ihrerAuffassung zu bestärken, dass der Krieg für Deutschland verloren sei.

Auch das macht den eigentümlichen Reiz dieser Erinnerungen aus: dass sie die brüchige Normalität in einer Zeit fehlender Normalität beschreiben. In ihr hat Gert Hoffmann als einziger seiner Familie überlebt – sein Bruder Wolfgang wurde in Groß-Rosen ermordet, sein Vater ging in Gurs zugrunde, seine Mutter wurde in Brüssel von der Gestapo aufgegriffen und nach Auschwitz deportiert. Er selbst erlebte die letzten Kriegstage – auch hier wieder: in der Etappe – als Angehöriger der US-amerikanischen Armee, sah sich im besiegten Deutschland um und traf im Spätherbst 1945 in Wien ein, wo er in die Public Safety Division eintrat, die ihn entließ, als seine politische Gesinnung ruchbar wurde. Bis zum Abzug der Alliierten arbeitete er in der sowjetisch verwaltetenWien-Film, seine spätere Tätigkeit in der Privatwirtschaft kommt im Buch nicht zur Sprache. Ich vermute: weil er in ihr nicht zügellos seiner großen Leidenschaft frönen konnte, dem Kampf um Gerechtigkeit und dem Zusammensein mit Menschen, vorzugsweise jüngeren, die dieses Ziel teilen. Insofern hat es schon seine Richtigkeit, dass Hoffmann sein Vermächtnis mit Tagebuchnotizen aus Nicaragua beschließt; dort hat er Mitte der Achtzigerjahre – wieder als Brigadist, aber als ziviler – beim Häuserbauen geholfen.

Wer dieses Buch liest und den Verfasser kennt, weiß von seiner Begeisterung für das rebellische Spanien (seine Braut Asunción allerdings, zu der er doch in heißer Liebe entflammt war, ließ er 1945 in Vierzon zurück und verliert, für den Rest des Buches, kein Wort mehr über sie). In ihr steckt mehr als Bewunderung für ein Volk, das sich gegen seine Unterdrücker gewehrt hat. Hoffmann ist, scheint mir, von jener kollektiven Empfindung durchdrungen, die dem Land und seinen Bewohnern seit der Romantik hohe Sympathiewerte verleiht. In ihr erscheinen die Spanier, Spanierinnen als temperamentvolle, bei Gelegenheit auch grausame, unvernünftige, dann wieder stocknüchterne, immer aber großherzige Menschen. Einiges an dieser Auffassung ist Folklore, anderes reine Projektion, der Rest zutreffend. Dass esfür solche Wahrnehmungsmuster einen eigenen Begriff gibt, habe ich erst durch Peter Hubers und Ralph Hugs biografisches Handbuch über „Die Schweizer Spanienfreiwilligen“ erfahren. Die beiden Autoren erklären sich die Tatsache, dass so viele junge Leute für die spanische Republik ihr Leben gewagt haben, neben politischen und wirtschaftlichen Motiven auch mit diesem „Pull-Faktor“, der wie ein Magnet gewirkt habe.

An die 800 Frauen und Männer aus der Schweiz haben auf republikanischer Seite amBürgerkrieg teilgenommen, und fast alle von ihnen werden in diesem detailreichen und außergewöhnlich schön gestalteten Werk in ihren Umrissen sichtbar. Was den meisten Spanienfreiwilligen zum Nachteil gereichte – dass sie nach ihrer Rückkehr wegen „fremdem Kriegsdienst“ zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden –, sollte sich für Huber und Hug als Vorteil erweisen: „Kein Land hat die Freiwilligen systematischer erfasst und nach der Rückkehr abgeurteilt als die Schweiz. Daher verfügen wir über einen großen Bestand von Gerichtsakten, die Licht auf die Geschichte der Freiwilligen werfen. Diese Dokumente sind das ideale Gegenstück zu den Akten, welche die Brigadenverwaltung während des Kriegs über jeden Freiwilligen angelegt hat und die im Sommer 1939 nach Moskau verfrachtet und dort bis Anfang der1990er-Jahre in verschlossenen Archiven aufbewahrt wurden.“

Zu Recht geben die Autoren zu bedenken, dass diese Quellen mehr über ihre Verfasser als über die Beschriebenen aussagen; von Hans Landauer wissen wir, was von den Dienstbeschreibungen (Características) zuhalten ist, die von den jeweiligen Kaderabteilungen der Komintern angefertigt wurden,nämlich nichts, und auch die Aussagen vor den Schweizer Militärgerichten sind zu hinterfragen, weil die Angeklagten mit Schutzbehauptungen nicht geizten. – Die Schweiz war schon in den Dreißigerjahren ein Immigrationsland, sowohl für Wirtschaftsflüchtlinge als auch für politisch Verfolgte. Deshalb haben Huber und Hug auch die Ausländer berücksichtigt, die vor 1936 hier gelebt und von hier aus nach Spanien aufgebrochen sind, unter ihnen einige Österreicher. Besonders erschütternd ist das Schicksal von Anni Brunner, deren Eltern aus Vorarlberg stammten und schon vor Annis Geburt eingewandert waren. In Basel, wo sie eine Friseurlehre absolvierte, lernte Brunner ihren späteren Mann Hans Thoma kennen, dem sie Ende September 1936 nach Barcelo- na folgte. Sie wollte mit einer Milizeinheit ander Aragón-Front kämpfen, was ihr als Frau untersagt wurde. Unter prekären Verhältnissen arbeitete sie als Pflegerin in mehreren Lazaretten und Spitälern, zuletzt als Mechanikerin in einer Reparaturwerkstatt, ehe sie im Oktober 1938 in die Schweiz zurückkehrte. Nach der Scheidung erkrankte sie an Schizophrenie, wurde in eine geschlossene Anstalt eingewiesen und durch eine Gehirnoperation verkrüppelt. Die seelische Krankheit und ihre oppositionelle Einstellung als Kommunistin hatten sich, so Ralph Hug, auf eine für sie fatale Weise vermischt.

Der Tatsache, dass Frauen drei Monate nach Kriegsausbruch durch ein Regierungsdekret nicht mehr gestattet wurde, an die Front zu gehen, haben Huber und Hug ei- nen eigenen Abschnitt gewidmet. Gerade einige Schweizerinnen hatten wie Anni Brunner beabsichtigt, mit der Waffe in der Hand gegen die Faschisten zu kämpfen, eine von ihnen, Clara Thalmann, war dies auch gelungen. Ihre Todesanzeige, vom 27. Jänner 1987, bestand nur aus einem Satz: „Ich werde die revolution im ,himmel‘ machen.“ Die von den Autoren vertretene Ansicht, dasVerbot zeige die wachsende „Stigmatisierung“ und „Kantonisierung“ der Frauen im republikanischen Spanien, wirkt angesichts der frankistischen Gräueltaten – der eigentlichen Ursache für die Verordnung – einigermaßen naiv. An solchen Rückprojektionen aus einer friedlichen Gegenwart erweist sich das Elend der Zeitgeschichtsforschung, die ohne das Wissen von Augenzeugen auskommen muss.

Diskussionswürdig, weil von einer seltsamen Mischung libertärer und leninistischer Sichtweisen bestimmt, ist auch die Darstellung der Konflikte innerhalb der Republik. Was Antonio Elorza zum Film „Land and Freedom“ angemerkt hat, dass es Ken Loach gelungen sei, eine politische Strömung zu erfinden, den Anarchotrotzkismus nämlich, trifft auch auf dieses Buch zu.

Seiner Bedeutung tut dies kaum Abbruch. Bedauernswert ist vielmehr, dass die Biografien nach dem Bürgerkrieg jäh abbrechen. So akribisch Huber und Hug ein „soziobiografisches“ Profil der Schweizer Spanienfreiwilligen erstellt haben – mit Statistiken über Alter, Beruf, Parteizugehörigkeit, Herkunft, sogar Vorstrafen –, so diffus bleiben deren Lebensumstände nach 1939. Nicht einmal ein Foto, ein einziges unter den vielen, das einen, eine von ihnen gealtert zeigt. Führen ihre Spuren wirklich nicht ins Heute? ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.06.2009)