Die Vienna Art Week: Erschöpft in hohlen Gesten

(C) Nasan Tur
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Die Vienna Art Week ist eröffnet: Mit einer Ausstellung über den Verlust an gesellschaftspolitischer Verantwortung. Von Wirtschaft, von Staaten – und von Künstlern.

Was ist los mit der Kunst, die heute die Welt verändern will? Warum sieht sie immer gleich anstrengend aus und klingt immer gleich schrill? Böses Geld, böse Wirtschaft, böser Staat. Ein bisschen einseitige Recherche, ein paar Videos, Zeichnungen und eingestreute Marx-Zitate, das Rezept reicht meist schon, um Applaus von der breiten Masse zu bekommen. Und um Sponsoring-Gelder der lustvoll masochistischen Angesprochenen zu lukrieren. Vom Staat. Vom Wirtschafts-Player. Oder besser gleich von beiden, wie im Fall der Vienna Art Week, die vom Art Cluster Vienna (Achtung, Begriff aus der Industrie!) betrieben wird.

Die heurige Hauptausstellung dieser kundenfreundlich rund um die Herbst-Auktionen des Dorotheums angesetzten Eventwoche macht diese stupende Naivität des Mainstreams der politischen Kunst besonders augenscheinlich: „Creating Common Good“, Schaffen von Gemeingut, heißt die von Robert Punkenhofer und Ursula Maria Probst zusammengestellte Gruppenausstellung im Kunst Haus Wien. Gesponsert wird diese kollektive Kapitalismus-Klage von Ministerien, Wirtschaftskammer und auf Gewinn ausgerichteten Privatunternehmen wie Dorotheum, Versicherungen, Banken. Eigentlich müsste der politisch korrekte Künstler dabei sofort eine gröbere Weltverschwörung wittern. Tut aber niemand. Tatsächliche Verweigerung wäre der Karriere im Ausstellungs-Biennalen-Kunstmessen-Zirkus (CO2-Rucksack, liebe weltreisende Ökosystem-Künstler?) genauso wenig förderlich wie in der lokalen Stammtisch-Szene. Worauf man angesichts derart offensichtlicher moralischer Widersprüche recht fassungslos vor eine Maschine zu stehen kommt, in der man Geldscheine schreddern soll – „legen Sie Ihren Glauben ab“, wird man hier aufgefordert. Man sieht nahezu Kurator Punkenhofer (auch österreichischer Handelsdelegierter in Barcelona) und den Dorotheums-CEO hier geläutert die Kohle einwerfen. Kann das ernst sein? Morgen alles gratis bei der Zeitgenossen-Auktion? Öffnen wir das Palais Dorotheum für Flüchtlinge? Nieder mit allen Grenzen und Kuscheln für alle?

Plaudern mit illegalen Benzinhändlern

Der Glaube an Geld ist noch der am wenigsten gefährliche dieser Tage. Doch anscheinend können viele Künstler hier populistischen Parolen und simplen Antworten nicht widerstehen. Fordern Jorge Galindo und Santiago Sierra tatsächlich eine neue französische Revolution? Fordern sie wirklich die Köpfe der spanischen Regierenden, deren Porträts sie verkehrt herum auf Autos montiert durch Madrids Straßen fahren ließen? Was will uns Patricia K. Triki mitteilen, wenn sie freundlich mit illegalen Benzinhändlern auf tunesischen Straßen plaudert? Oder Ina Wudtke, wenn sie einen Song über ihre (natürlich empörende) Delogierung schreibt? (Enteignung der Verantwortlichen?)

Nicht einmal Teresa Margolles, die mexikanische Künstlerin, die durch ihre ästhetisch starken Arbeiten über den namenlosen Tod im Moloch der Megacity berühmt wurde, überzeugt mehr: In der elenden Grenzstadt Ciudad Juárez ließ sie den Schriftzug eines verlassenen Geschäfts – La Esperanza – nachziehen. Den die Stadtregierung wenig später weißeln ließ, wie die angeschmierten Wände des übrigen Viertels. „Hoffnung“ wurde so ausgelöscht. Allerdings auch das Cola-Werbeschild darunter. Was nach internationaler Künstlerlogik wiederum nicht so verwerflich wäre, wahrscheinlich.

Irgendwie trifft diese Arbeit gut das Dilemma der Ausstellung: außen alles blitzeblank, also politisch korrekt, im Sinne des Mainstreams aufbereitete Kunst. Innen aber herrscht (ideologisches) Chaos und (wirtschaftspolitischer) Unrat.

Vienna Art Week, 200 Veranstaltungen bis zum 22. 11., www.viennaartweek.at. „Creating Common Good“ bis 10. 1., Kunst Haus Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.11.2015)

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