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„Es wird von den Wellen geschüttelt, doch es geht nicht unter“

„Fluctuat nec mergitur“ – der neu belebte Slogan der Pariser war einst kein Freiheitsruf, sondern ein Ruf nach dem starken Staat. Auch aus Angst.

Die Pariser haben sich in den vergangenen Tagen eines lateinischen Spruchs entsonnen: „Fluctuat nec mergitur“. Einige haben ihn schon am Tag nach den Anschlägen in riesigen Lettern auf die Place de la République gemalt, in den sozialen Netzwerken hat er sich verbreitet, er ist zu einer inoffiziellen Parole geworden: ein Mutmacher, ein Aufruf zum inneren und äußeren Standhalten gegen die Terroristen, der das Ergebnis schon vorwegnimmt: „Es wird von den Wellen geschüttelt, doch es geht nicht unter“.

Gemeint ist das Schiff. Der Spruch ist Teil eines Wappens, das in den vergangenen Jahrzehnten im Pariser Stadtbild wohl hauptsächlich Touristen aufgefallen ist, auf Bauten, die Ende des 19. Jahrhunderts errichtet wurden: der neuen Sorbonne etwa, dem Hôtel de Ville, dem Grand Palais oder dem Petit Palais. Die Worte stehen in der Mitte des Wappens, darunter ein Schiff, darüber Lilien, als "Fleur-de-Lys" das bekannteste Symbol der französischen Monarchie.

„Es wird von den Wellen geschüttelt, doch es geht nicht unter“ – Georges-Eugène Haussmann, der Stadtplaner, der aus Paris die Metropole mit ihren großen Boulevards, Gärten und prunkvollen klassizistischen Fassaden gemacht hat, wie wir sie heute kennen, hat diesen Spruch einst eingeführt: wenige Jahre nach der Niederschlagung der bürgerlichen Revolution von 1848. Er meinte das Schiff Staat, das nun wieder stabil sein möge, unter Kaiser Napoleon III.

Als Zierde auf den Pariser Bauten fand dieser Wahlspruch aber erst Ende des 19. Jahrhunderts Verwendung, während der Dritten Republik, aber auch in einer eher restaurativen Phase. „Fluctuat nec mergitur“ hatte eine am Wappen klar erkennbare Zielrichtung: die Dritte Republik symbolisch mit der monarchistischen Tradition zu verbinden.

Das Wappen, allerdings ohne Spruch, stammt auch aus absolutistischen Zeiten. Ludwig XIV. hatte einst dieses Wahrzeichen der „Nautes“, die auf der Seine Handel trieben, für sich übernommen und durch die königliche Lilie ergänzt. Die Französische Revolution verbannte das Wappen dann, erst Haussmann erinnerte sich wieder daran – und fügte die Worte „Fluctuat nec mergitur“ ein. Das von der bürgerlichen Revolution gebeutelte Reich, meinte er, möge nicht untergehen.

Auch in den 1890er-Jahren schließlich, einer stabileren Phase der Dritten Republik, wollte man zumindest symbolisch an die monarchistische und kaiserliche Vergangenheit anknüpfen, ein Gefühl von Kontinuität vermitteln. Man hatte die Machtübernahme der revolutionären Pariser Kommune hinter sich, in den 1880er-Jahren waren liberale und antiklerikale Kräfte sehr stark, nun verfolgte man einen moderaten, links und rechts eher versöhnenden republikanischen Kurs.

Und auch damals steckte Angst hinter dem Wahlspruch „Fluctuat nec mergitur“ – jene vor dem erstarkenden Sozialismus. Auch damals fühlte sich die Republik im Innersten gefährdet, auch damals war der Spruch ein Mutmacher. Für das Schiff Staat.

Zeiten der Angst sind nicht unbedingt Zeiten, in denen die Lust auf Freiheit blüht. „Fluctuat nec mergitur“ war keine Freiheitsparole, sondern ein Ruf nach dem starken Staat. Was sie heute ist, muss sich noch weisen.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.11.2015)