Die Statistik des Terrors

FRANCE-ATTACKS-EDUCATION
Frankreichs Premier Manuel Valls(c) APA/AFP/PATRICK KOVARIK (PATRICK KOVARIK)

Frankreichs Premier warnt vor weiteren IS-Anschlägen in Europa. Schon jetzt ist 2015 das blutigste Terrorjahr seit 2004.

Wien/Den Haag. Die stärkste Waffe von Terroristen ist die Furcht. Unter dem Eindruck der jüngsten Anschläge von Paris wurde am Montag nicht nur ein Gebäude der EU-Kommission in Brüssel geräumt. Laut Frankreichs Premierminister, Manuel Valls, bereitet der Islamische Staat weitere Attentate in Europa vor. Der vatikanische Staatssekretär, Pietro Parolin, nannte den Kirchenstaat eine „mögliche Zielscheibe“ für Jihadisten. Und in Istanbul, so türkische Behörden, seien schon am Freitag fünf Personen festgenommen worden, die zeitgleich mit den Attentätern von Paris Anschläge durchführen wollten. Ist das mittelfristige Lagebild tatsächlich so dramatisch?

Die Antwort lautet ja und nein. Seit fast zehn Jahren wertet Europol, die Polizeibehörde der Europäischen Union, Daten zum Phänomen Terrorismus aus den Mitgliedstaaten aus. Dabei zeigt sich, dass die blutige Bilanz von 2015 außergewöhnlich ist. Zumindest dann, wenn man den jihadistisch motivierten Terrorismus isoliert betrachtet. Bei Überfällen auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ in Paris (17 Tote), ein Kulturzentrum in Kopenhagen (zwei) und nun erneut auf mehrere Ziele in Paris (132) wurden 151 Menschen getötet. Eine Opferzahl, die in der Union nur im Jahr 2004 (Madrider Zuganschläge, 191 Tote) höher war.

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Die Europol-Auswertung zeigt, dass das Risiko, Opfer eines Terroranschlags zu werden, sehr gering ist. Seit 2006 starben innerhalb der Mitgliedstaaten jährlich meist zwischen zwei und sieben Personen an den Folgen von Terrorakten. Ausreißer nach oben gab es 2011 (79 Tote) und 2012 (17 Tote). Wobei die hohe Zahl von 2011 fast zur Gänze auf die Tat des rechtsextremen und islamfeindlichen Norwegers Anders Behring Breivik zurückzuführen ist, der allein 77 Menschen tötete.

Gemessen an der Gesamtzahl aller terroristischen Anschläge spielt Islamismus nahezu keine Rolle. Seit 2006 tauchen bei Europol – und damit in allen Mitgliedstaaten – zwischen null und sechs geglückte, verhinderte oder gescheiterte Attentate pro Jahr auf.

Das klingt einerseits unspektakulär. Andererseits: Verlaufen jihadistische Attentate – aus Sicht der Täter – erfolgreich, gibt es häufig Tote. So wie jetzt. Auch 2014 gingen vier von vier Terrortoten in Europa auf das Konto islamistischer Extremisten (Anschlag auf jüdisches Museum in Brüssel). 2012 waren es acht von insgesamt 17 (Anschlagserie in Midi-Pyrénées, Frankreich).

 

Jihadisten-Zahl steigt

Ebenso bemerkenswert ist, dass trotz der geringen Zahl an islamistischen Attentaten inzwischen mehr als die Hälfte aller Terrorverdächtigen (51 Prozent) einen jihadistischen Hintergrund haben sollen. Weit dahinter folgen Separatisten, Links- und Rechtsextremisten, die jedoch für 99 Prozent der registrierten Anschläge verantwortlich sind.

Der wesentliche Grund für dieses Ungleichgewicht liegt darin, dass mehr als zwei Drittel der Festnahmen wegen der Mitgliedschaft und Unterstützung einer terroristischen Organisation oder einer Reise in eine Konfliktregion stattfinden. Lediglich knapp jeder zehnte festgenommene Terrorverdächtige soll unmittelbar Anschläge durchgeführt oder geplant haben.

Ein anderer auffälliger Trend unter Europas islamistischen Terroristen ist das Alter. Lag dieses 2006 im Schnitt noch bei 36 Jahren, sank das Altersmittel auf inzwischen unter 28 Jahre. Die Zahl der festgenommenen Frauen verneunfachte sich von sechs auf 52.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.11.2015)