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Pharma: Das ertragreiche Geschäft mit der Depression

Symbolbild: Pharma/ Medikamente(c) Bilderbox
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In den Industrieländern hat sich der Verbrauch von Antidepressiva fast verdoppelt. Davon profitieren die Pharmafirmen.

Wien. Die OECD gehört zu den wenigen Organisationen, die das Gesundheitssystem nach wirtschaftlichen Aspekten betrachten. Auch in Österreich ist die Gesundheitswirtschaft ein Milliardenmarkt. Zuletzt lagen die jährlichen Gesundheitsausgaben bei 34,8 Milliarden Euro. Jedes Jahr steigen die Kosten um hunderte Millionen Euro. Für einen beachtlichen Teil kommen der Staat und die Sozialversicherungsträger auf. Doch die Krankenkassen geraten immer mehr an die Grenzen der Finanzierbarkeit. Für heuer erwartet der Hauptverband der Sozialversicherungsträger ein Minus von 85 Millionen Euro.

Die OECD veröffentlicht regelmäßig Statistiken über die Gesundheitssysteme, um Einsparungspotenziale aufzeigen. Nun wurde der Verbrauch von Antidepressiva unter die Lupe genommen. Die Daten sind aus mehreren Gründen bemerkenswert. Denn in einem Zeitraum von 13 Jahren hat sich der Konsum von solchen Medikamenten in vielen Industrieländern fast verdoppelt.

Auch die Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern sind enorm. Während in Ungarn 28 Tagesdosen pro tausend Einwohner verbraucht werden, sind es in Österreich bereits 59 Tagesdosen und in Island sogar 118. Für die Unterschiede gibt es keine Erklärung. Bislang wurde angenommen, dass Depressionen in den nordischen Ländern besonders weit verbreitet sind. Doch warum werden dann auch in Portugal so viele Pillen verschrieben?

 

Zu viele Pillen verschrieben?

Bereits in der Vergangenheit kritisierte die OECD, dass Ärzte immer öfter Antidepressiva verschreiben. So kommen die sogenannten Glückspillen in vielen Ländern schon bei leichten Depressionen und Angststörungen zum Einsatz. Doch die Wirksamkeit ist unter Experten umstritten. Der österreichische Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer geht davon aus, dass wenigstens die Hälfte der betroffenen Menschen die Antidepressiva umsonst schluckt: „Hier wirkt der Placeboeffekt“, so Pichlbauer.

Auch bringen die Pharmafirmen immer bessere Medikamente mit geringeren Nebenwirkungen auf den Markt. Daher greifen Menschen auch bei kleinen Beschwerden zu einem Arzneimittel. Antidepressiva zählen zu den am häufigsten verschriebenen Medikamenten weltweit. Auf rund 16 Milliarden Euro schätzt das Marktforschungsinstitut IMS Health ihren weltweiten Markt pro Jahr.

(C) DiePresse

In vielen Ländern werden psychisch Erkrankte primär mit Medikamenten versorgt. Allein in Österreich nehmen pro Jahr rund 900.000 Versicherte von den Krankenkassen Leistungen wegen psychischer Erkrankungen in Anspruch, dabei handelt es sich in erster Linie um Arzneimittel. Dagegen fehlt es an Psychiatern mit Kassenvertrag und an der besseren Finanzierung der Psychotherapie.

Allein im Vorjahr haben bei der Wiener Gebietskrankenkasse 192.000 Patienten etwa 2,3 Millionen Packungen Psychopharmaka bezogen. Das sind zwölf Prozent der von der Wiener Gebietskrankenkasse betreuten Personen. Pro Jahr geben Österreichs Krankenkassen hunderte Millionen Euro für solche Medikamente aus.

 

Immer mehr neue Diagnosen

Ein weiteres Problem ist die Inflation von psychiatrischen Diagnosen. So gibt es mit DSM-5 ein neues amerikanisches Handbuch für die Diagnostik psychischer Leiden. Demnach kann Trauer nach dem Verlust einer nahestehenden Person schon nach zwei Wochen als Krankheit eingestuft werden. Viele Mediziner halten das für absurd.

Das 1980 erschienene Handbuch DSM-3 hatte für Trauer ein ganzes Jahr zugestanden. Im DSM-4 wurde die Zeit auf zwei Monate verkürzt. „Die diagnostische Inflation hat dafür gesorgt, dass ein absurd hoher Anteil unserer Bevölkerung heutzutage auf Antidepressiva, Neuroleptika, Anxiolytika, auf Schlaf- und Schmerzmittel angewiesen ist“, schreibt der US-Psychiater Allen Frances im Buch „Normal – Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen“.

Wurde früher jemand beispielsweise als schüchtern beschrieben, kann der gleiche Mensch heute von einem Mediziner die Diagnose „soziale Phobie“ erhalten. Von den vielen neuen Diagnosen profitiert vor allem die Pharmaindustrie. Allein in den USA geben die Pharmafirmen rund 400 Millionen US-Dollar pro Jahr zur Vermarktung von Antidepressiva aus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.11.2015)