Sinai: Putin schwört Rache für IS-Flugzeuganschlag

EGYPT-UNREST-RUSSIA-AVIATION-SECURITY-FILES
Doch ein Terroranschlag. Teile des russischen Flugzeugwracks auf der ägyptischen Halbinsel Sinai.(c) APA/AFP/MAXIM GRIGORYEV (MAXIM GRIGORYEV)

Mehr als zwei Wochen nach dem Absturz des russischen Airliners bestätigt erstmals auch Moskau: Es war ein Bombenattentat.

Kairo/Moskau/Wien. Bis zuletzt hatte Ägypten versucht, die verheerende Realität zu bestreiten. Zwei Wochen lang ergingen sich Medien und Talkshowrunden in immer neuen Verschwörungstheorien. Zuletzt stellte das Außenministerium einen Kommentar mit dem Titel „Absichtliche Verunglimpfung“ der staatlichen Zeitung „Al Ahram“ auf seine Website, der westliche Berichte über die Evakuierung touristischer Anlagen am Roten Meer und Hinweise auf einen Terrorakt gegen den russischen Charterjet als Verschwörung abtut. Der ägyptische Chefermittler weigerte sich auf seiner Pressekonferenz sogar, das Wort Bombe zu verwenden.

Doch seit Russlands Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB, Alexander Bortnikow, am Dienstag erklärte, der Tod der 224 Menschen an Bord sei definitiv die Tat von Terroristen, gibt es nichts mehr zu beschönigen. Eine selbst gebastelte Bombe mit einer Sprengkraft von einem Kilo TNT habe die Maschine 23 Minuten nach dem Start auseinandergerissen, sagte der FSB-Chef. Die Fahnder hätten Spuren von „ausländischem Sprengstoff“ an Wrackteilen und Gepäckstücken gefunden. Bereits Stunden nach dem Unglück am 31. Oktober hatte sich der Islamische Staat in einer Internetbotschaft gebrüstet, der Airbus A321 mit „über 200 russischen Kreuzrittern“ sei von „den Soldaten des Kalifates“ zerstört worden. Das sei die Rache „für die Dutzenden, die täglich in Syrien durch eure Bombenflugzeuge getötet werden“.

 

Moskau intensiviert Bombardements

Russlands Präsident, Wladimir Putin, schwor den Attentätern am Dienstag, sie bis in den letzten Winkel der Erde zu verfolgen. Über Syrien ordnete er verstärkte Angriffe mit Langstreckenbombern und Marschflugkörpern auf die Stadt Raqqa an, wo sich das Hauptquartier des Islamischen Staates befindet. Russland sei nicht zum ersten Mal mit terroristischen Verbrechen konfrontiert, sagte der Kremlchef. Doch „der Mord an unseren Landsleuten über dem Sinai war im Hinblick auf die Opferzahlen eines der blutigsten Verbrechen“. Obendrein setzte Moskau eine Belohnung von 50 Millionen Dollar aus für alle Hinweise, die „bei der Verhaftung der Kriminellen helfen“. Im ägyptischen Sharm el-Sheikh wurden zwei Mitarbeiter des Airports festgenommen und befragt.

Auch der Kreml hat sich mit der Veröffentlichung der Fakten Zeit gelassen. Russische Analysten rätseln nun, ab wann genau die Behörden von einem Terroranschlag ausgingen. Kaum jemand zweifelt, dass Moskau schon „eine Zeit lang“ – wie der frühere Kreml-Spin-Doctor Gleb Pawlowskij es ausdrückte – von der Bombe an Bord wusste. Pawlowskij gab gegenüber Radio Moskwy zu bedenken, eine sofortige Anerkennung des Anschlags wäre „in der öffentlichen Meinung zweifellos als Bestrafung für die Intervention in Syrien“ interpretiert worden. Dem Kreml sei daran gelegen gewesen, die allgemeine Trauer verklingen zu lassen. Nach den Pariser Anschlägen kann die Attacke in einer neuen Lesart präsentiert werden: Ein internationaler Schulterschluss und eine unerbittliche Reaktion auf den Terrorismus seien nunmehr unbedingt notwendig.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.11.2015)