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Der Mensch und das Klima

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Frühe Siedler und ihre Landwirtschaft waren vom Klima abhängig. Bei wirtschaftlicher Notwendigkeit koppelte man sich davon ab. Heute beeinflusst der Mensch das Klima mit.

Mensch und Klima. Wer diese Wörter assoziiert, wird unausweichlich an den Klimawandel denken, den wir mitverursachen. Dabei war der Mensch über viele Jahrtausende nicht Mitgestalter des Klimas, sondern von ihm abhängig. Die Ausbreitung von menschlichen Siedlungen war von Anbeginn an Temperatur- und Niederschlagsbedingungen geknüpft, die es erlauben, Landwirtschaft zu betreiben. Der zentrale Alpenraum war etwa seit der frühen Jungsteinzeit (4500v.Chr.) für den Menschen als Dauersiedlungsgebiet interessant. Doch die Besiedlung war stark an Wärmeperioden geknüpft, unterbrochen von kälteren Zeiten. In der Warmzeit bis 3500v.Chr. stieg die Waldgrenze in den Alpen sogar so hoch, wie es bis heute nie mehr erreicht wurde.

Ob Eingriffe des Menschen schon damals die Baumgrenze verschoben haben, ist noch Gegenstand der Diskussion: In der Bronzezeit (1700v.Chr.) deutet verstärkte Siedlungstätigkeit jedenfalls darauf hin. Allein am Dachstein hat Franz Mandl in jahrzehntelanger Arbeit anhand urgeschichtlicher Hüttenreste über 20 Siedlungen zwischen 1300 und 2100 Meter Seehöhe gefunden.

Allerdings ist der Zusammenhang zwischen Klimaentwicklung und Siedlungstätigkeit vielschichtig: Es gibt auch Fälle, in denen ungünstige Standorte trotz Abkühlung weiterbewirtschaftet wurden. Das mag, so vermutet der Innsbrucker Geograf Kurt Nicolussi, auch daran liegen, dass historische Temperaturschwankungen leichter detektierbar sind als Veränderungen bei den Niederschlägen – Letztere haben einen mindestens ebenso großen Einfluss. Es spielen aber auch sozio-ökonomische Faktoren eine Rolle. Zum Beispiel in Hallstatt: Der Salzbergbau lockte viele Menschen an; es mussten landwirtschaftliche Strukturen geschaffen werden, um den wachsenden Ort zu versorgen. Die Bauern hielten sich deshalb – selbst als sich das Klima verschlechterte. Somit ist Hallstatt eines der ersten Beispiele, in denen der Mensch sich von der Klimaabhängigkeit abkoppelte.

Heutzutage ist das Verhältnis zwischen Mensch und Klima anders: Die Menschheit lebt nicht nur mit den Klimaveränderungen, sondern ist gleichzeitig eine Ursache für diese. „Aber es ist genauso ein Unfug zu sagen ,Alles ist natürlich‘, wie zu sagen ,Der Mensch ist an allem schuld‘“, sagt Reinhard Böhm von der ZAMG (Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik). Sein Kollege Christoph Matulla präzisiert: „Rund zwei Drittel der Erwärmung der bodennahen Luft im 20. Jahrhundert sind auf menschliches Tun zurückzuführen.“

Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts ist der Faktor Mensch in den Beobachtungen nicht eindeutig nachweisbar. In die aktuellen Klimamodelle fließen Messungen von Temperatur und Niederschlag seit fast 260Jahren ein. Das Klima der Zeit davor lässt sich aus Indikatoren wie fossilen Pollen und Organismen, Baumringen oder Gletscherständen ableiten. Erst ab 1950 muss man die Auswirkungen des menschlichen Tuns in Klimamodelle einbeziehen, um zu erklären, warum das Klima heute so ist, wie es eben ist.


Klimakatastrophe? Anfangs führten Rußpartikel der Industrialisierung zu einer Abkühlung, da weniger wärmende Sonnenstrahlen bis zur Erde durchkamen. Mit den Luftreinhaltungsgesetzen änderte sich das: Vom Menschen verursachte Treibhausgase verhindern nun, dass die Erde durch Abstrahlung abkühlt. „Egal mit welchen Daten man den Computer speist, simulieren die Modelle bis 2050 ähnliche Entwicklungen“, sagt Matulla: „Es wird mehr heiße Tage und weniger kalte Nächte geben. Was auch medizinische Konsequenzen hat, denn unser Körper braucht kühle Nächte zur Regeneration.“

Ist also das Schlagwort Klimakatastrophe ein kulturelles Konstrukt und reine Panikmache? „Die Grundlage für jede Diskussion sollten rational erforschte, wissenschaftliche Beiträge sein“, so Böhm. Eine Sammlung solcher Beiträge liegt nun in Buchform vor:„Klimawandel in Österreich. Die letzten 20.000 Jahre und ein Blick voraus“ (Innsbruck University Press). Damit sich alle Leute selbst ein Bild machen können, stehen das Buch zur Bestellung sowie die Kapitel des Buchs zum Download auf der Seite der Uni Innsbruck bereit:www.uibk.ac.at/alpinerraum/publications/vol6/index.html.de.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.06.2009)