Hält der Börsenaufschwung an?

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Seit März geht es mit dem Wiener Leitindex ATX steil bergauf. Aber schon bald wird es "Korrekturen" geben. Darüber, was danach passiert, sind Experten uneinig.

Die Leute hatten eine große Chance in den vergangenen Monaten“, sagt Cheuvreux-Chefanalyst Alfred Reisenberger. An der Wiener Börse hätte man in den vergangenen Wochen viel Geld machen können. Der Leitindex ATX ist seit März um 50 Prozentpunkte gestiegen. Einzelne Papiere haben um mehr als das Doppelte ihres Wertes zugelegt. Wer Mitte Februar das Papier der Erste Group beim Tiefstand von sieben Euro erworben hatte, konnte es im Mai um 19 Euro wieder auf den Markt werfen – mit einem stattlichen Kursgewinn von 170 Prozent. Gleiches Spiel in Schwarz-Gelb: Die Aktie von Raiffeisen International hatte bei 13 Euro notiert, sechs Wochen später bei 29 Euro.

Hat die Wiener Börse wieder zu einem jahrelangen Höhenflug angesetzt – ähnlich jenem Aufschwung, der von 2003 bis 2007 angehalten hatte?

Anstieg des ATX bis Jahresende auf 2700 Punkte? „Die Wiener Börse ist wegen ihrer ,Ostfantasie‘ stark geprügelt worden. Jetzt hat sie sich übermäßig stark erholt“, sagt Wolfgang Matejka, Investmentchef der Meinl Bank. „Der ATX-Stand ist derzeit aber zu hoch, weil dessen Anstieg fundamental nicht belegbar ist.“ Es sieht also danach aus, dass viele Aktien ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht haben. „Es wird demnächst Korrekturen geben“, sagt auch die Aktienchefin der Raiffeisen Centrobank, Birgit Kuras.

Matejka nennt sogar einen konkreten Zeitpunkt, wann die „Korrekturen“, also Kursrückgänge, eintreten werden: „Diesen Freitag, wenn viele Futures fällig werden.“ Aber: „Der ATX wird danach wieder an Schwung gewinnen und bis zum Jahresende höher sein als heute, weil einige Indikatoren wie Auftragseingänge in die positive Richtung zeigen“, gibt sich Kuras optimistisch. Matejka hält sogar bis Ende 2099 einen Anstieg des ATX auf bis zu 2700 Punkte für möglich.

Diesen optimistischen Prognosen kann sich Reisenberger nicht anschließen: Der ATX sei deswegen so stark gestiegen, da „es im März starke Zuflüsse von Fonds gab. Die mussten investieren, um nicht unterrepräsentiert zu sein. Sie haben aus Zwang investiert, um nicht an Performance zu verlieren – aber nicht aus der fundamentalen Überzeugung, dass es besser wird.“

Reisenberger weiter: „Es hat sich nichts verändert, wir befinden uns nach wie vor in einer Krise. Auch wenn uns gesagt wird, wir hätten die Talsohle erreicht und das Schlimmste sei hinter uns – ich halte das für Schönfärberei.“ Und: „Die Banken hätten die Funktion, Geld bereitzustellen. Das tun sie derzeit überhaupt nicht. Außerdem kommt die rasch steigende Arbeitslosigkeit hinzu, die den Konsum nachhaltig schwächen wird.“

Seine Prognose: Bis Ende des Jahres werde es maximal zu einer Seitwärtsbewegung kommen – oder abwärtsgehen.

Kritik am Verbot für Leerverkäufe. Um die heimischen Banken vor starken Kursabstürzen zu bewahren, hat die Finanzmarktaufsicht (FMA) im Oktober ein Verbot von Leerverkäufen (Shortselling, Anm.) für Finanztitel erlassen.

Für Reisenberger ist diese Sperre ein Hemmschuh für den ATX und sollte wieder zurückgenommen werden: Jene Investoren, die „long“ investiert seien, wollen sich naturgemäß nach unten absichern. Reisenberger: „Das Instrument der Derivate ist in Österreich aber nicht existent, somit besteht nur die Möglichkeit von Leerverkäufen.“ Ist das auch nicht mehr möglich, würden wichtige Investoren dem Wiener Börsenplatz fernbleiben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.06.2009)

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