Landschaftsarchitekten: Mach da noch was Grünes hin!

Alice Größinger
Alice Größinger(c) Clemens Fabry
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Das sind doch die, die Terrassen mit Blumen behübschen? Nicht ganz. Vielmehr gestalten sie Plätze, Parks, Höfe. Zwei aus der Branche zeigen vier "Landschaften".

Schon komisch“, sagt Anna Detzlhofer. Da identifizieren sich die Österreicher so stark mit den Alpen. Und der Grünraum, den sie in ihrem Umfeld täglich sehen (könnten) – der Beserlpark, die kleine Wiese in ihrer Siedlung –, ist ihnen ziemlich egal.

Das sei, schon klar, übertrieben formuliert und stimme heute auch nicht mehr wirklich, sagt Landschaftsarchitektin Detzlhofer. Bringt aber auf den Punkt, wie wenig Gedanken Freiflächen geschenkt wurde (und teilweise noch wird). Womit natürlich jene, die öffentliche Plätze, Gärten, Schulhöfe gestalten, ein Problem haben. Ein Wahrnehmungsproblem.Das müsste nicht sein. Das zeigt nicht nur England, wo die „landscape architects“ dank der langen Geschichte der Gartengestaltung ein höheres Standing genießen. Auch bei uns verändern Landschaftsplaner das Stadtbild. Das wird nur im Normalfall weniger stark wahrgenommen als ein Neubau. „Bei Freiflächen fehlt oft die öffentliche Debatte, Gebäude regen schneller auf.“

Manchmal tun das auch „Landschaften“. Ein „best practice“-Beispiel für einen Wohnanlagenhof, findet die Landschaftsarchitektin Alice Größinger („Idealice“), sei der vom Büro Rajek Barosch gestaltete Hof in der Bike City (Vorgartenstraße). 750 m Spielplatz in einem, das sei selten. Die Wiener Bauordnung schreibt bei dieser Siedlungsgröße 530 m vor. Die dominanten Elemente: Sand und Wiese. „Geglückte Rasenhügel“, sagt Größinger. Hügel zwar, aber flach genug, um als Spielplatz oder zum Hinlegen nutzbar zu sein. Das Schöne hier sei, „dass es keine kleinteiligen Grenzen und Zäune gibt. Dadurch ist es hier nicht so käfigartig“. Hübsch auch die Wellenbänke am Rand. Nur: Die Blickrichtung der Bänke geht weg vom Spielplatz. Nicht optimal zum Auf-die-Kinder-Aufpassen. Aber nicht anders möglich, so Größinger, denn darunter liegt die Tiefgarage, und deren Belichtung (die in den Spielplatz fällt) gab die Richtung vor. Wie überhaupt Tiefgaragen die Planer oft einschränken. Große Bäume etwa scheiden da aus, weil zu wenig Substanz für deren Wurzeln bleibt. Insgesamt sei die Bike City ein seltenes Beispiel dafür, dass „bei Bauträgerwettbewerben auch verbindlich Landschaftsarchitekten verlangt werden“. Das sei in Österreich immer noch selten, meist werden (nur) Architekturwettbewerbe ausgeschrieben. Die Landschaftsplaner werden, wenn überhaupt, erst später engagiert. „Mach da noch was Grünes hin“, hörte Größinger früher oft von Architekten. Das ist heute anders, auch weil der Wert der Immobilien stärker vom qualitativ gestalteten Freiraum abhängt und dieser Voraussetzung ist, um von der Wiener Wohnbauförderung zu profitieren. Geblieben ist das Geldproblem. Fallen die Baukosten höher als erwartet aus, kürzt man dort, wo man noch kann: bei der Gestaltung des Freiraums.

Nicht vollends gelungen findet Größinger den neu gestalteten Dr.-Christian-Broda-Platz (früher Mariahilfer Platzl) vis-à-vis vom Westbahnhof. Auffälligstes Merkmal: die zahllosen roten Stelen. „Ich mag Stelen“, sagt sie. „Aber hier bilden sie keine räumliche Einheit und haben wenig Nutzen.“ Denn: „Wer braucht so viele Fahnenmasten?“ An einigen Stelen wachsen Pflanzen empor. „Im Platzbereich würde ich mir mehr Blühendes wünschen, vielleicht etwas, das duftet.“ Auch die gelb eingefärbten Betonsockel, aus denen die Stelen wachsen und die als Sitzflächen gedacht sind, findet Größinger nicht optimal. Weil sie zu viele sind. „Für Fußgänger ist das unübersichtlich. Man will den Platz queren, hat aber das Gefühl, dass man dauernd wo anstößt.“ Die Funktion als Sitzplatz erfüllen die Sockel offenbar gut, sagt Größinger und zeigt auf zwei Männer, die hier in der Mittagssonne Platz genommen haben. Auch wenn der Wind, der hier recht heftig durchzieht, nicht zum Langebleiben einlädt. Dagegen, wie auch gegen den Autolärm vom Gürtel, hätte ein Raumabschluss (ein Zaun? ein Pavillon? Pflanzen?) geholfen, der den Platz außerdem begrenzen würde. „Dem Platz hätte es gutgetan, wenn er irgendwo klar abschließen würde.“

Behübschen im Nachhinein. Für Daniel Zimmermann von den Landschaftsarchitekten „3:0“ ist der neue Praterstern kein optimales Beispiel für den öffentlichen Raum. Während der Bahnhof an sich „gut gelungen ist, ist das ein klassisches Beispiel für eine Planung, bei der die Freiflächen nicht mitbedacht worden sind“. Nun könne man nur im Nachhinein die Restflächen behübschen, und auch das sei hier, findet er, nur mäßig gelungen. Bisher jedenfalls, der Umbau ist ja noch im Gange. Ein Beispiel: Gelangt man vom Bahnhof auf den Vorplatz Richtung Prater, sieht man – viel Beton. Und den Verkehr, der die Ausstellungsstraße entlangzieht. Die Hauptfunktion eines Bahnhofsvorplatzes sei „Orientierung“, und „die ist hier nicht gegeben“. Wäre da nicht der Riesenradwaggon am Fluc-Dach, man wüsste nicht einmal, dass es hier zum Prater geht. „Auf dem Vorplatz gibt es keine Aufnahme bestehender Sichtachsen, es wurde kein Bezug zur Umgebung hergestellt.“ Die andere Seite des Pratersterns „zeigt stark das Verständnis von öffentlichem Raum: zerschnitten und aufgeteilt. Der Rest wird begrünt.“

Ein gutes Beispiel aus Zimmermanns Sicht ist der Rudolf-Bednar-Park, der 2008 auf 31.000 m auf dem Areal des früheren Nordbahnhofs entstanden ist. Den Auftrag bekam die Hager Landschaftsarchitektur Zürich, die hier eine seltene Situation vorfand: einen Park gestalten, bevor die Siedlungen rundherum gebaut werden. „Ideal, denn ein Park braucht eine Vorlaufzeit.“ Noch sind die Bäume, die die Grenze zu den Häusern bilden, niedrig. Auffallend sind die orangefarbenen Stelen, die sich „fast tänzerisch durch das Gelände ziehen und die Identität des Ortes ausmachen“, konkrete Funktionen haben. Einige markieren Spielgeräte, zwischen anderen sind Hängematten angebracht. Was ihm hier sonst gefällt? Offene Grünflächen, „die auf ein Kickerl, ein Picknick“ einladen. Ein „Quartiergarten zum Zurückziehen“, hier sitzt man inmitten von gelben, violetten und blauen Blumen. Spaziert man weiter, kommt man an langen Wasserzeilen mit viel Schilf vorbei, hier plätschert es beruhigend. Ein Zitat an die Donau, die hier vor der Regulierung floss. Und ein Element (und auch darum geht es Landschaftsplanern), das die Eigentümlichkeit des Ortes aufgreift. Im Süden schließt der Park mit Aktivitätszonen (Halfpipe etc.). Außergewöhnlich, das alles, sagt Zimmermann.

Warum ihr Image immer noch leidet, trotz Prestigeprojekten wie diesem? Weil man hier in fast jeder großen Stadt seit Ewigkeiten Architektur studieren kann, so Zimmermann, während „Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung“ erst seit 1991 ein eigenes Studium ist. Man stand lange im Schatten. Dafür ist man jung. Und trotzdem ein wenig unauffällig. Schon komisch.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.06.2009)

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