Schnellauswahl

Anne Frank: War ihr Vater Ko-Autor?

(c) EPA (Anita Maric)

Der Anne-Frank-Fonds will das Copyright für die Tagebücher bis 2050 behalten.

Als Otto Frank nach dem Krieg die Aufzeichnungen seiner ermordeten Tochter veröffentlichte, versicherte er in einem Vorwort, die Texte stammten so gut wie unverändert von ihr. Anne Frank starb vor 70 Jahren, somit würden die Urheberrechte für die Tagebücher am 1. Jänner 2016 erlöschen.

Der Schweizer Anne-Frank-Fonds, der bisher die Rechte an den Tagebüchern gehalten hat, wehrt sich nun dagegen – und zwar mit dem Argument, Anne Franks Vater habe die Tagebücher mitverfasst. Erst er habe aus den Tagebüchern und Geschichten seiner Tochter ein lesbares Buch gemacht. Schon Anfang des Jahres warnte der 1963 von Otto Frank gegründete Fonds alle etwaigen interessierten Verleger: „Es ist falsch anzunehmen, dass das Urheberrecht für die Tagebücher Anne Franks in naher Zukunft erlöschen wird.“ Otto Frank starb 1980, wenn er als Ko-Autor rechtlich anerkannt wird, läuft das Copyright also bis 2050 weiter.

 

Streit mit Anne-Frank-Haus

Damit könnte auch das Anne-Frank-Haus in Amsterdam seine mit Historikern erarbeitete frei verfügbare Onlineversion nicht publizieren – die zwei Institutionen sind seit Jahren zerstritten. In den USA etwa läuft das Copyright ohnehin viel länger, bis 2047 – 95 Jahre nach der Erstveröffentlichung des Buchs in den USA im Jahr 1952.

Das Vorgehen des Fonds hat unter anderem in den USA und Frankreich Diskussionen über den Sinn des Urheberrechts für gewisse Werke von besonderem öffentlichen Interesse ausgelöst. Man verweist etwa auf das 50-Jahr-Jubiläum von Martin Luther Kings Rede „I Have a Dream“ 2013. Damals behinderten die Erben, indem sie auf die Einhaltung des Urheberrechts pochten, die öffentliche Verbreitung dieses Textes. sim

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2015)

Mehr erfahren

Zum Thema

Streit um das Tagebuch der Anne Frank

Piano Position 1