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Zinsen: Das Ende der privaten Pensionsvorsorge naht

Beschwingt im Alter? Wer seinen Lebensstandard halten will, muss in diesem perversen Zinsumfeld schon beim Ansparen ordentlich Gas geben.
Beschwingt im Alter? Wer seinen Lebensstandard halten will, muss in diesem perversen Zinsumfeld schon beim Ansparen ordentlich Gas geben.(c) REUTERS (REGIS DUVIGNAU)
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KolumneHält die Niedrigstzinsphase noch länger an, dann ist langfristige Vorsorge so gut wie tot. Voraussetzung für eine nachhaltige Zinswende wären aber umfassende Reformen – und die zeichnen sich nicht ab.

Deutschland hat in dieser Woche eine zweijährige Staatsanleihe mit einer Verzinsung von minus 0,38 Prozent begeben. Das heißt, wer dem deutschen Staat 10.000 Euro leiht, bekommt nicht nur keine Zinsen, er muss auch noch 38 Euro im Jahr drauflegen, damit Herr Schäuble das Geld überhaupt nimmt.

Das ist einfach nur noch pervers. Hat aber durchaus Methode. Derzeit sind in Europa schon Staatsanleihen über fast drei Billionen Euro mit negativer Verzinsung in Umlauf. Nicht nur aus Deutschland und Österreich. Selbst Staaten wie Italien oder Frankreich haben es schon geschafft, negativ verzinste Staatspapiere in Umlauf zu bringen.

Das ist ein sicheres Zeichen dafür, dass in unserem Finanzsystem zurzeit ein gewaltiger Wurm steckt. Denn der Zins ist nichts anderes als der Preis für Geld. Und wenn der negativ wird, sollte wohl Feuer am Dach sein. Oder würde jemand beispielsweise die Autoindustrie für gesund halten, wenn VW seine Autos nicht nur verschenken, sondern auch noch Benzingutscheine drauflegen müsste, damit überhaupt jemand die Fahrzeuge nimmt?

Der Preis ist das wichtigste Steuerungsinstrument in einer Marktwirtschaft. Wird der dauerhaft manipuliert (wie das mit der Nullzinspolitik und den QE-Programmen der Zentralbanken derzeit geschieht), dann liefert er krasse Fehlsignale – und droht letztendlich, das System entgleisen zu lassen.

Die Ergebnisse wird jeder von uns schmerzhaft spüren. Nicht gleich, aber bald. Unter den derzeitigen Bedingungen ist nämlich die Pensionsvorsorge so gut wie tot. Die Idee, die demografisch bedingt kleiner werdenden Pensionen aus dem Umlageverfahren mit Ansparpensionsmodellen aufzufetten, basiert nämlich auf einem einfachen mathematischen Phänomen: Dem Zinseszinseffekt, der langfristig angelegtes Geld durch Zinsen auf vorangegangene Zinsen immer schneller wachsen lässt.
Der Zinseszinseffekt benötigt zum Funktionieren – richtig: Zinsen. Sind die negativ, dann wirkt das Modell in die Gegenrichtung: Dann verfällt Geldvermögen immer schneller, je länger man es liegen lässt.

So weit sind wir noch nicht. Aber die meisten Vorsorgemodelle schaffen selbst unter Einrechnung staatlicher Förderungen gerade noch realen Kapitalerhalt. Das heißt: Wer auf eine bestimmte Summe zum Pensionsantritt anspart, muss diesen entweder ein paar Jahre hinausschieben oder seine Ansparleistung drastisch erhöhen. Nur ein Beispiel, wie sich das auswirkt: Sinkt die Rendite um zwei Prozentpunkte, muss ein 30-Jähriger seine Sparleistung laut Berechnungen der Allianz um 50 Prozent erhöhen, um zum Pensionsantritt dieselbe Anspar-summe zu erhalten. Bei Unternehmen, die Betriebspensionen dotieren, heißt das übrigens, dass sie ihre bilanziellen Rückstellungen um eben diesen Betrag erhöhen müssen, wenn sie ihre Zusagen einhalten wollen. Das steigert die Lust auf betriebliche Pensionsmodelle natürlich ins Unermessliche.

Ist die Nullzinsphase auf kurzfristige Krisenbeseitigung ausgelegt, dann hat das keine so gravierenden Auswirkungen. Unterdessen gehen aber alle Experten davon aus, dass die Niedrigzinsphase (auch wenn die USA ein bisschen an der Schraube drehen) noch sehr lang dauern wird. Aus einem einfachen Grund: Die hohe Verschuldung der Staaten macht substanzielle Zinsanhebungen ziemlich unwahrscheinlich. Außer man will Staatspleitenwellen auslösen.

Nur so zum Beispiel: Österreich, das nicht zu den schwerstverschuldeten Staaten gehört, zahlt 7,5 Mrd. Euro im Jahr für die Staatsschuld. Das sind zehn Prozent der Bundessteuereinnahmen. Übrigens praktisch zur Gänze über zusätzliche Kreditaufnahmen, weil die laufenden Einnahmen trotz Rekordsteuerbelastung nicht einmal für den laufenden Betrieb reichen. Verdoppelt sich die Durchschnittsverzinsung (derzeit rund drei Prozent) der österreichischen Staatsschuld, was üblichen Werten zu Beginn der Jahrtausendwende entspräche, dann würde schon jeder fünfte Steuer-Euro in die Schuldentilgung fließen. Keine schöne Aussicht.

Wobei die Niedrigzinsen noch dazu das völlig verkehrte Signal liefern: Erleichtern sie doch Schuldenaufnahmen und machen Einsparungen weniger attraktiv. Ein Teufelskreis, denn mit Niedrigzinsen allein lässt sich die Konjunkturschwäche im Gefolge der Finanzkrise nicht beseitigen. Das weiß auch die EZB. Deren Direktoriumsmitglied Benoit Coeure hat neulich in einem „Welt“-Interview gesagt, die Nullzinspolitik könne nur wirken, wenn in den Euroländern „die Ausgaben gesenkt oder produktiver eingesetzt“ werden. Eine schöne Umschreibung für das, was wir „notwendige Reformen“ nennen. Schuldenbasierte Konjunkturprogramme würden gar nichts bewirken. Und: Wenn die gesamte Wachstumspolitik der Eurozone weiter allein auf den Schultern der EZB ruhe, dann „wird das kein gutes Ende nehmen“.

Das ist leider zu befürchten, denn die Bereitschaft, Ausgaben zu senken oder produktiver einzusetzen, ist leider so gut wie nirgends zu bemerken. Schon gar nicht hierzulande. Bevor das aber nicht geschieht, wird die Wirtschaft feststecken – so viel Geld kann die EZB gar nicht drucken lassen. Bezahlen werden wir das letztendlich unter anderem auch mit Geld, das eigentlich zur Pensionsvorsorge gedacht war.

E-Mails an: josef.urschitz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2015)