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Anschlag: Die Blutspur des Terrors zieht sich nach Bosnien

(c) APA/AFP/ELVIS BARUKCIC (ELVIS BARUKCIC)

Ein Wahhabit tötete zwei Soldaten in Sarajewo. Terror-Connection nach Wien und Paris?

Belgrad/Sarajewo. Die Opfer traf der Anschlag in Bosniens Hauptstadt Sarajewo nach Feierabend völlig unvermittelt. „Allah ist groß!“ rief ihr mit einem Sturmgewehr bewaffneter Mörder, bevor er in einem Wettbüro unweit ihrer Kaserne im Vorort Rajlovac zwei Soldaten erschoss. Auf der Flucht beschoss der Täter auch noch einen Autobus – der Fahrer und zwei Passagiere wurden durch Glassplitter leicht verletzt. In seinem Elternhaus von der Polizei bald umzingelt, beendete der 34-jährige Enes O. schließlich seinen Amoklauf – und richtete sich selbst.

Zwar hatten Bosniens Medien schon am Mittwochabend vermeldet, dass es sich bei dem Selbstmordattentäter um einen bekennenden Wahhabiten handle. Doch die Polizeibehörden in Sarajewo hielten es zunächst für verfrüht, von einem Terrorangriff zu sprechen. Doch am Donnerstag gab es für die Sicherheitsdienste in Bosnien und Herzegowina keine Zweifel mehr. Die Staatsanwaltschaft ermittle wegen Terrorismus, so Kristina Jozić, die Sprecherin des Kriminalamts.
Die Opfer waren ein muslimischer Bosniake und ein bosnischer Serbe. Und zumindest in seiner entsetzten Trauer zeigte sich der zerrissene Vielvölkerstaat am Donnerstag geeint. „Die Schüsse auf die Soldaten unserer Streitkräfte sind Schüsse auf den Staat Bosnien und Herzegowina“, so Premier Denis Zvizdić, der eine Erhöhung der Sicherheitsvorkehrungen im ganzen Land ankündigte. Die Tat zeige, dass Bosnien „definitiv ein Problem mit dem Terrorismus“ habe, bekannte Vize-Verteidigungsminister Emir Suljagić.

Tatsächlich sind die Soldatenmorde von Sarajewo in Bosnien und Herzegowina keineswegs der erste Amoklauf radikaler Islamisten. Im April hat ein Attentäter die Polizeistation von Zvornik gestürmt, einen Polizisten getötet und zwei verletzt, bevor er selbst erschossen wurde. Vor vier Jahren hatte der bizarre Angriff eines Extremisten auf die US-Botschaft in Sarajewo, die er mit einer Kalaschnikow beschoss, die Aufmerksamkeit auch auf die engen Bande der bosnischen Wahhabiten-Hochburgen zu den Gesinnungsgenossen im fernen Wien gelenkt: Der aus dem serbischen Sandschak stammende Täter hatte die ersten extremistischen Kontakte nach Angaben seiner Verwandten in Österreich geknüpft.

Bosniens islamistische Hochburgen wie das Wahhabiten-Dorf Gornja Maoca sollen sich auch durch Spendengelder aus Österreich finanzieren: Wie rege die radikale Szene in Wien ist, zeigt möglicherweise der Österreich-Urlaub des mutmaßlichen Paris-Attentäters Salah Abdeslam im September. Die Paris-Attentäter könnten auch auf dem Balkan logistisch verwurzelt sein. Frankreichs Justiz forderte über Interpol jedenfalls Informationen über Bosnien-Kontakte an.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2015)