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Die Türkei: Das offene Tor der Paris-Attentäter nach Europa

(c) REUTERS (SERTAC KAYAR)

Extremisten-Grenzverkehr: Sechs IS-Terroristen gelangten offenbar über die Türkei nach Syrien und zurück. Ankara warnte vor Attentäter.

Wien/Istanbul. Mindestens sechs der Pariser Attentäter hatten sich vor ihren Anschlägen bei Extremisten in Syrien aufgehalten. Das berichtet nun die „New York Times“. Abdelhamid Abaaoud, der Drahtzieher der Anschläge, soll mehrmals zwischen Europa und dem Territorium des sogenannten Islamischen Staates (IS) in Syrien und dem Irak hin- und hergependelt sein. Einer der Todesschützen in der Bataclan-Konzerthalle, der 28-jährige Samy Amimour, wurde bereits 2012 angeklagt, in eine „terroristische Verschwörung“ verwickelt zu sein. Er geriet in Verdacht, zum Kämpfen in den Jemen reisen zu wollen, wo eine Filiale des Terrornetzwerks al-Qaida ihr Unwesen treibt. Die Behörden entzogen ihm daraufhin den Reisepass. Trotzdem sei es Samy Amimour gelungen, sich nach Syrien abzusetzen, berichtet die „New York Times“. Mit ein Grund, warum die EU-Innenminister am Freitag über mehr Kontrollen an den EU-Außengrenzen für europäische Staatsbürger beraten will.

Durchgangsstation für die Attentäter war dabei die Türkei. Über das Land sickerten jahrelang tausende ausländische Kämpfer nach Syrien ein, wo sie sich den diversen jihadistischen Gruppen anschlossen. Die türkischen Behörden argumentierten, die lange Grenze zum Nachbarn nicht ausreichend überwachen zu können. Doch sie drückten bei dem jihadistischen Grenzverkehr zu Beginn alle Augen zu. In Ankara hoffte man offenbar, in den Extremisten schlagkräftige Verbündete im Kampf gegen das Regime des syrischen Diktators Bashar al-Assad gefunden zu haben. Zudem griffen jihadistische Einheiten wie die al-Nusra-Front und der IS schon früh das Gebiet der syrischen Kurden an. Die dort entstandenen selbst verwalteten Kantone sind der türkischen Regierung ein Dorn im Auge. Denn in ihnen regiert die sogenannte Partei der Demokratischen Union (PYD), einer Schwesterorganisation der Arbeiterpartei Kurdistans PKK, die einen Untergrundkrieg gegen den türkischen Staat führt.

Mittlerweile gehen die türkischen Behörden aber rigoroser als früher gegen ausländische Kämpfer vor, die die Grenze nach Syrien passieren wollen. So offenbar auch gegen Ibrahim Abdeslam, einen der Pariser Attentäter. Wie die türkische Zeitung „Hürriyet Daily News“ berichtet, wurde Ibrahim Abdeslam Anfang 2015 von den türkischen Behörden des Landes verwiesen. Er sei verdächtigt worden, sich zum IS nach Syrien absetzen zu wollen. Die belgische Staatsanwaltschaft bestätigte, dass Ibrahim Abdeslam nach seiner Rückkehr aus der Türkei verhört worden sei. Man habe aber keine Beweise dafür gehabt, dass er in terroristische Aktivitäten verstrickt sei.

 

Zerrüttetes Verhältnis

Die türkische Regierung stellte zudem wenige Tage nach den Pariser Anschlägen klar, dass sie Frankreichs Sicherheitskräfte bereits im Dezember 2014 und im Juni 2015 vor Omar Mostefai, einem weiteren der Attentäter, gewarnt habe. In Paris habe man darauf aber nicht reagiert. Ein Grund dafür ist laut Spiegel Online ein Mangel an Vertrauen zwischen den französischen und den türkischen Geheimdiensten. Das gehe auf die Ermittlungen nach dem Mord an drei kurdischen Aktivistinnen in Paris im Jänner 2013 zurück. Der türkische Geheimdienst habe damals gegenüber Frankreich von einer „internen Abrechnung“ innerhalb der PKK gesprochen und versucht, die Polizei auf die falsche Fährte zu locken, so Spiegel Online. Die französischen Beamten präsentierten hingegen schon bald einen 30-jährigen Verdächtigen, der offenbar Verbindungen zum türkischen Geheimdienst unterhielt. (w. s.)

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2015)