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Schaffen wir das?

Vom Ausnahmezustand zur strategischen Planung: Wie löst man das Problem der Unterbringung von Flüchtlingen, wo es doch auch unter den hier Geborenen Mangel an Wohnraum gibt?

Dass ein Grundriss die Titelseite einer Tageszeitung ziert, noch dazu in voller Seitenbreite, ist eine Seltenheit. Vor knapp zwei Wochen ist das der „Presse“ erstmals gelungen: Über der Schlagzeile „Fertigteilhäuser für Flüchtlinge“ prangte der Grundriss eines lang gestreckten Gebäudes mit einem Mittelgang und 20 Zimmern, jedes rund 14 Quadratmeter groß und mit zwei Betten und einem kleinen Badezimmer ausgestattet. Dieser Grundriss ergibt, viermal übereinandergestapelt, das in der Bildunterschrift genannte „Grundversorgungsquartier für rund 80 Personen, das als Fertighaus gebaut wird; Kostenpunkt etwa 1,6 Millionen Euro“.

Vorgestellt wurde das Konzept durch den Österreichischen Fertighausverband in Anwesenheit von Flüchtlingskoordinator Christian Konrad. Anlass war die von der Bundesregierung im Oktober vorgestellte Wohnbau-Offensive 2016, die unter anderem die Schaffung einer Wohnbau Investitionsbank (WBIB) vorsieht, die auch Quartiere für Flüchtlinge finanzieren wird. Angesichts von derzeit rund 65.000 Flüchtlingen in der Grundversorgung und heuer bisher 26.000 Asylentscheidungen, die zu 35 Prozent in der ersten Instanz positiv ausfielen, ist der massive Bedarf an Quartieren offensichtlich. Man sei, so Konrad, mit den Bürgermeistern im Gespräch bezüglich der nötigen Grundstücke und plane, „so viele Fertighäuser wie möglich zu errichten und in vielen Varianten: größere oder kleinere Einheiten“.

Zu den größeren Einheiten gehören auch Notunterkünfte, die bei derselben Veranstaltung präsentiert wurden und die man nur als menschenverachtend bezeichnen kann: 50Meter lange und zwölf Meter tiefe Baukörper mit Vierbettzimmern ohne Bad, dafür mit Sanitärcontainern an einem Ende mit offenem Treppenhaus. 84 Personen pro Geschoß können hier untergebracht werden.

Wer die Internet-Postings zu Artikeln in Lokalzeitungen liest, muss feststellen, dass sogar das von einem beachtlichen Teil der einheimischen Bevölkerung als zu luxuriös empfunden wird. „Grenzen zu und so lange abschieben, bis alle einheimischen Wohnungssuchenden versorgt sind“, lautet die Forderung dieser Gruppe. Mit billigen Notunterkünften wird eine doppelte Botschaft in diese Richtung gesandt. Erstens: Wir bauen für Flüchtlinge so, wie wir es den „eigenen Leuten“ nie zumuten würden. Zweitens: Flucht ist ein temporäres Phänomen, auf das wir mit Provisorien antworten können.

Diese Grundstimmung zur Maxime des Bauens für Flüchtlinge zu machen werden wir teuer bezahlen. Angesichts der Bilder zerstörter Städte in Syrien ist klar, dass es selbst im besten Fall ein Jahrzehnt dauern wird, bis dieses Land ein sicherer Aufenthaltsort wird. Das Thema Flucht und Integration wird uns in den nächsten Jahrzehnten begleiten, wie bisher in Wellen, aber es wird nicht verschwinden. Statt Notmaßnahmen wäre daher strategische Planung nötig.

In einer Mitte 2015 erschienenen Sonderausgabe von „asyl aktuell“, der Zeitschrift der Asylkoordination Österreich, haben sich Nina Kolowratnik und Johannes Pointl mit Studierenden der TU Wien systematisch mit dem „Fluchtraum Österreich“ befasst und dessen bauliche Rahmenbedingungen in einprägsamen Zeichnungen visualisiert. Ihre Zusammenfassung lautet: „Anders als der Tourismusinfrastruktur oder dem öffentlichen Gesundheitssystem in Österreich fehlt dem Asylsystem die langfristige Planung. Die Vorstellung von Flucht als zeitlich beschränktem Phänomen, die durch den wiederkehrenden institutionellen Ausnahmezustand aufrechterhalten wird, lässt keine strategische Herangehensweise zu und diese wird auch bis dato vom Architekturdiskurs ferngehalten.“

Letzteres hat sich in den letzten Monaten rapide geändert, zumindest ist die Betriebsamkeit in der Szene deutlich gestiegen. Dabei ist auch ein Projekt sichtbar geworden, das sich schon länger mit dem Thema befasst und dabei den Schritt von der Notmaßnahme zur strategischen Planung vorausgedacht hat. „Transfer Wohnen Vorarlberg“ wurde als Modell für kleinere und mittlere Gemeinden entwickelt und könnte Vorbildwirkung für ganz Österreich haben.

Gearbeitet wird an dem Konzept seit Anfang 2015 von einer interdisziplinären Gruppe, getragen von den Vorarlberger Architekten Andreas Postner und Konrad Duelli in Zusammenarbeit mit Hermann Kaufmann, Professor an der TU München und führendem Holzbauexperten. Die Gruppe hat bestehende Einrichtungen untersucht, auch in Hinblick auf die Reaktion der lokalen Bevölkerung, und daraus das Prinzip abgeleitet, dass der Bau von neuen Nachbarschaften für Flüchtlinge als Impuls und wesentlicher Bestandteil der Gemeindeentwicklung verstanden werden muss.

Das setzt kleine Einheiten von höchstens 25 bis 30 Personen voraus. Nur in diesem Maßstab kann längerfristig die Integrationsbereitschaft der ortsansässigen Zivilbevölkerung und der Flüchtlinge geschützt, unterstützt und gefördert werden. Bauten für 50 bis 70 Flüchtlinge vor Ort würden neue Barrieren schaffen, Integration behindern und hohe soziale Folgekosten hervorrufen. Die Architekten haben Typenpläne und Details für sehr einfache, zweigeschoßige und dreigeschoßige Häuser entwickelt, die variabel in die bestehenden Umgebungen implementiert werden können. Die Kleinteiligkeit erlaubt die Bildung von gestalteten Freiräumen dazwischen, die auch gärtnerisch genutzt werden können.

Technisch werden die Häuser in Tafelbauweise errichtet, also in derselben Technologie, die auch den Produkten der meisten Fertighausanbieter zugrunde liegt. Allerdings sind die Details im konkreten Fall so gestaltet, dass sie von lokalen Holzbauunternehmen ausgeführt werden können, um möglichst viel Wertschöpfung vor Ort zu behalten. Bauzeit und Kosten entsprechen nach Berechnung der Architekten jenen der Großstrukturen, wobei die Bewohner zusätzlich Teile des Endausbaus selbst übernehmen könnten. Für die Möblierung eignen sich Altmöbel, die von den Asylwerbern renoviert werden könnten.

Im Unterschied zu den Großstrukturen lassen sich diese Häuser tatsächlich in gute Startwohnungen umbauen, wenn die Flüchtlingswelle abflaut. Zwar wird diese Flexibilität auch von den Fertighausanbietern versprochen, ein Blick auf die entstehenden Grundrisse macht aber klar, dass es sich aus der Perspektive heutiger Wohnvorstellungen nur um Notquartiere handeln würde. In solche Häuser zu investieren ist vergeudetes Kapital.

Eine zentrale Frage für den Erfolg des Konzepts „Transfer Wohnen“ ist das Bauland. Hier haben die Initiatoren auf Basis des Engagements des Vorarlberger Bischof Benno Elbs begonnen, auf 45 dem Land zur Bebauung auf Baurechtsbasis angebotenen Bauplätzen auf Kirchengrund einige der geeignetsten Standorte zu analysieren. Auf mehreren sollen nun die ersten Pilotprojekte entstehen.

Die Akzeptanz in der Bevölkerung wird nicht zuletzt davon abhängen, ob parallel zu diesen Bauten unter gleichen niedrigen Kostenbedingungen Wohnbauten für Ortsansässige realisiert werden, wie es auch die Proponenten von „Transfer Wohnraum Vorarlberg“ fordern. Die Schaffung der Wohnbau-Investitionsbank, die beide Sektoren bedienen soll, ist dafür ein guter Schritt – weg vom Ausnahmezustand und hin zur Ermöglichung guter Planung im allgemeinen Interesse. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.11.2015)