Sibylle und Kurt Hamtil haben ihr drittes Wien-Geschäft eröffnet. Wieder in der Herrengasse, aber diesmal mit klarem Fokus auf die (vorletzte) Jahrhundertwende.
Wien. Als sie Freitagfrüh schnell noch die nötigen Hemden gebügelt habe, berichtete Sibylle Hamtil, da habe sie sich gefühlt wie einst vor einer Prüfung. „Alle waren irrsinnig rausgeputzt, nur ich hatte wieder die Nacht durchgelernt.“ Neben dem BWL-Studium hatte sie damals schon als Verlagslektorin gearbeitet, „bei fünf Wochen Urlaub, da muss jede Prüfung klappen“. Sie werte es als gutes Omen, dass die diesmalige Anstrengung keine Fieberblase als Souvenir hinterlassen habe.
Seit 15. Oktober erst wusste das Verlegerpaar (Metroverlag), dass es in der „heimatlichen“ Herrengasse seinen dritten Vienna Store eröffnen würde. Da hatten Sibylle und Kurt Hamtil per Handschlag den Mietvertrag für jenes Geschäftslokal in der Verlängerung des Café Griensteidl abgeschlossen, in dem bisher eine Touristeninformation untergebracht war. Am Donnerstag, dem 19. November um 19 Uhr, wurde nun Eröffnung gefeiert. „Dazwischen mussten wir nicht nur das Geschäftslokal umbauen, sondern auch komplett andere Ware teilweise zukaufen, teilweise selbst produzieren.“ Schließlich ist der Wien-Fokus der bisherigen zwei Geschäfte nun noch deutlich fokussierter: Das Wien um 1900 ist das Motto im Geschäft im Palais Herberstein. Ein Thema, das man zwar mit Büchern („Im Cottage“, „Auf der Hohen Warte“), aber noch nicht mit Produkten besetzt hatte. Was folgte, sei „Magie“ gewesen: Am Tag, an dem man entschied, Schmuck zu brauchen, habe sich etwa Schmuckdesigner Florian Ladstätter gemeldet, der Anleihen an Sezession oder Beethoven-Fries nimmt.
So gibt es nun allerlei zu Klimt, Schiele und Freud, Kaffeehaus und Jugendstil, etwa Schreibgerät im Stil der Zeit, Weihnachtskarten der Wiener Werkstätten oder Wiener Achtelgläser mit goldenem 1900-Aufdruck. Die wurden von den Erfindern des Wien Gin auch genützt, um Cocktails à la Wiener Mädel auszuschenken. Bei offener Tür zum Griensteidl und neuen Festtagsbrötchen von Trześniewski (Hühnerleber, Preiselbeeren, Schokolade) wurde bis zur Sperrstunde gefeiert. (tes)
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.11.2015)