Verbrennt man im Winter wirklich mehr Kalorien?

Wenn es kalt ist, braucht der Körper mehr Energie, um sich zu erwärmen. Das stimmt zwar grundsätzlich, spielt bei den gut beheizten Räumen heute aber kaum mehr eine Rolle, sagt Ernährungswissenschaftlerin Karin Schindler von der Med-Uni Wien. Viel wichtiger sei, dass sich Alte und Kranke richtig ernähren.

Kühlt es draußen ab, greift der Körper stärker auf seine Energiereserven zu. Ihn zu erwärmen kostet tatsächlich mehr Energie, als ihn etwa im Sommer abzukühlen. Im Europa des 21. Jahrhunderts spiele das längst keine Rolle mehr, so Ernährungsexpertin Karin Schindler. Werden die Tage kürzer und kälter, machen viele auch noch weniger Bewegung. Die Folge: Sie nehmen zu. Dass der Winter den Weg zur Bikinifigur verkürzt, bleibt also eine Illusion.

In ihrer wissenschaftlichen Arbeit befasst sich Schindler auch vielmehr mit ungewolltem Gewichtsverlust, etwa bei älteren und kranken Menschen. Dass etwa Kranke wenig Appetit haben, werde oft als normal wahrgenommen, alle Beteiligten konzentrieren sich eher auf die Therapie. Auf die entscheidende Bedeutung der Ernährung werde dabei mitunter vergessen. „Gutes Essen ist für die Rekonvaleszenz, die Lebensqualität und die Sterblichkeit entscheidend“, sagt Schindler. Das bedeutet: Wer weniger und schlechter isst, stirbt früher.

Daher gehen Behandler rund um den Globus jedes Jahr am 19. November, dem Nutrition Day Worldwide, in Krankenhäuser und Pflegeheime und befragen Behandelnde und Patienten. Wie geht es den Menschen? Und: Was essen sie? „Alte Menschen verbrauchen zwar weniger Kalorien, benötigen aber genauso viele Vitamine und Spurenelemente wie jüngere und sogar oft deutlich mehr Eiweiß“, so Schindler.

Da auch das Auge bekanntlich immer mitisst, lud ein israelischer Fachkollege Schindlers sogar den französischen Spitzenkoch Paul Bocuse ein, dabei zu helfen, dass Krankenhausessen appetitlicher aussieht. Das Resultat: Das Essverhalten der Patienten veränderte sich messbar.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.11.2015)