Die soziale Komponente der Innovation

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(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Sozialwissenschaft. Immer mehr Menschen wollen Besitz teilen und mit möglichst nachhaltigen Gütern leben. Das Wiener Zentrum für Soziale Innovation untersucht die Bedeutung solcher Praktiken für den sozialen Fortschritt.

„Last Minute Sotto Casa“ heißt ein Projekt im Semifinale des Wettbewerbs für Soziale Innovation der Europäischen Kommission: Kurz vor Ladenschluss informieren Lebensmittelgeschäfte per SMS die Kunden im Viertel über Waren, die sie zu stark reduzierten Preisen anbieten, weil sie sonst weggeworfen werden würden. Die Verbraucher entscheiden, ob sie spontan etwas kaufen, was nicht auf dem Einkaufszettel steht. Beide Seiten machen dabei Gewinn. Deshalb registrierten sich in Italien 30.000 Kunden in nur wenigen Monaten. Dies ist eines der Projekte, die der Gründer des Wiener Zentrums für Soziale Innovation (ZSI), Josef Hochgerner, für beispielhaft hält.

Der Wiener Sozialwissenschaftler wollte schon 1990 ein Forschungsinstitut, das die soziale Dimension von Innovationen untersucht. Inzwischen ist der Anspruch in der Europäischen Kommission (unter Präsident José Barroso) und in der Obama-Administration angekommen. Die Wiener Einrichtung hat nach schwierigen Anfangsjahren heute 50 wissenschaftliche Mitarbeiter, finanziert sich laut Aussage des Wissenschaftlichen Direktors Klaus Schuch zu 60Prozent durch internationale Projekte und nimmt eine führende Position in der sozialwissenschaftlichen Forschungslandschaft in Österreich ein.

 

Bildung und Integration

Dem ZSI geht es um sozialen Mehrwert, Gemeinwohl und sozialen Zusammenhalt in der Gesellschaft. Als soziale Innovationen betrachtet Schuch Konzepte und Maßnahmen, die von betroffenen gesellschaftlichen Gruppen zum Teil selbst entwickelt, in jedem Fall aber angenommen und genutzt werden können. Dabei kann es sowohl um große politische und gesellschaftliche Fragestellungen, als auch um Graswurzelprojekte gehen. Die alternde Bevölkerung und die Situation Behinderter nehmen eine wichtige Position ein. Auch Beschäftigungspakte der für den Arbeitsmarkt zuständigen Institutionen stehen auf der Agenda. Am bekanntesten dürfte die Obdachlosenzeitung „Augustin“ sein. Sie macht aus obdachlosen Bettlern Verkäufer, ein erster Schritt zu Autonomie und Reintegration.

Für die Stadt Wien trug das ZSI beispielsweise zum Integrationsmonitoring bei, einem Instrument, mit dessen Hilfe die Beschäftigungs-, Einkommens-, Wohn- und Bildungssituation von Migranten gemessen werden kann. Laut Projektleiter August Gächter ergab sich dabei, dass nahezu ausschließlich der Bildungsstand der Eltern ausschlaggebend dafür ist, ob und worin 15- bis 19-Jährige ausgebildet werden. Ganz allein die Schule entscheidet darüber, ob Kinder aus bildungsfernen Familien etwas lernen. In Sozialraum-Analysen für Wien und Bregenz gelang es dem ZSI, Verwaltungsdaten so zusammenzuführen, dass daraus der Bedarf an sozialer Unterstützung abgeleitet werden kann.

Ein Ergebnis der Untersuchung war laut Gächter, dass die sozial Bedürftigsten in Wien in den städtischen Wohnbauten leben. In Bregenz sind die sozial prekärsten Viertel diejenigen, in denen die meisten Jugendlichen zwischen 15 und 19 Jahren leben.

Mit diesen und ähnlichen Informationen liefert ZSI die Basis für politische Entscheidungen. Doch es will auch selbst zu sozialen Innovationen beitragen. Ein aktuelles Projekt soll Flüchtlingen mit akademischer Ausbildung helfen, sich in Wien zu orientieren und wissenschaftlich zu publizieren.

LEXIKON

Das Zentrum für Soziale Innovation (ZSI) wurde 1990 von Josef Hochgerner in Wien gegründet und ist heute das größte private soziologische Institut Österreichs. Es ist in die Bereiche Arbeit und Chancengleichheit, Forschungspolitik und Entwicklung sowie Technik und Wissen gegliedert. Mit einer großen internationalen Tagung feierte das ZSI diese Woche sein 25-jähriges Jubiläum. Globale und nationale Forschungstrends standen im Mittelpunkt der Diskussionen mit 430 Teilnehmern.