Schnellauswahl

Die Kathreinwahlen: „Österreich ist gerettet!“

Themenbild
(c) ORF (Klaus Fuchs)
  • Drucken

Das Jahr 1945. Am 25. November entscheiden die Wähler erstmals seit 1930 über die parlamentarische Demokratie. Die ÖVP erringt die absolute Mandatsmehrheit, lässt sich aber auf keine Alleinregierung ein. Die KPÖ erleidet ein Debakel.

Wien, am 25. November 1945. Nach einem kurzen, harten Wahlkampf ist der Tag der ersten Nationalratswahl seit dem Jahr 1930 gekommen. Rund 500.000 ehemalige Nazis sind von dem Urnengang ausgeschlossen, viele Männer sind noch nicht aus den Kriegsgefangenenlagern der Alliierten in die Heimat zurückgekehrt. So sind nur 1.233.346 Männer wahlberechtigt, aber 2.216.259 Frauen. Es sind um fast 700.000 Wahlberechtigte weniger als 1930.

Also werden die Frauen das Schicksal dieser Zweiten Republik bestimmen. Und um sie hat eine heftige Kampagne der drei zugelassenen Parteien stattgefunden. Die Kommunisten nützen ihren Vorteil: 107 verschiedene Plakatsujets können sie in die Waagschale werfen, weil ihnen die sowjetische Besatzungsmacht viel mehr Papier zuteilt als den Sozialisten und der Volkspartei (Letztere bringt es nur auf 73 Plakate).

 

Die Nazi-Frage

Aber die kommunistische Agitation schreckt die Wählerinnen eher ab: „Unterbringung der Wohnungslosen in den Wohnungen der Nazis“, verlangt ein KP-Plakat. Ein anderes zeigt Leichenberge mit KZ-Opfern: „Wir klagen an! Wir fordern Sühne!“

Die SPÖ geht zwar vorsichtiger an dieses Thema Nr. eins heran, aber der linke Flügel – die früheren Revolutionären Sozialisten – schockiert die Öffentlichkeit mit dem Plakat, das Berühmtheit erlangen sollte: „Zehntausende Österreicher befinden sich fern der Heimat in Kriegsgefangenenlagern und werden zum Aufbau Österreichs benötigt. Zehntausende Nazis befinden sich in der Heimat und sabotieren den Wiederaufbau Österreichs. Wir fordern den Austausch.“

Dem entgegnet die im Mai gegründete Volkspartei: „Die ÖVP lehnt es ab, Hass mit Hass zu vergelten“. Nur die schuldigen Nazis seien zu verurteilen, den anderen werde man die Hand reichen. Natürlich gibt es keine Wählerstromanalysen, keine Motivforschung. Man darf aber annehmen, dass diese sanfte Tour der ÖVP den kleinen, entscheidenden Vorteil am Wahltag verschafft hat.

 

Wahlzeit von acht bis 16 Uhr

Gleichzeitig mit dem Nationalrat werden auch die neun Landtage gewählt. In Wien öffnen die Wahllokale um acht Uhr früh. Bis 16 Uhr ist die Stimmabgabe möglich. Stimmzettel wurden von den Parteien verteilt, doch gibt es auch solche, die man vom Wahlleiter verlangen kann. Jede Partei hat eine „gebundene Liste“ vorgelegt, das Reihen oder Streichen ist noch unbekannt.

In der Wahlzelle weiß sich jeder unbeobachtet: Auf dieses Prinzip der freien und geheimen Wahl haben die Zeitungen an den Tagen davor mehrfach hinweisen müssen. Sie haben auch erläutert, wie viele Stimmen es jeweils für ein Mandat in einem der 25 Wahlkreise bedarf und was es mit den Reststimmen auf sich hat. Nicht wenigen Wählern kam das ganze Verfahren reichlich kompliziert vor, aber die Wahlbeteiligung ist mit 94 Prozent unerwartet hoch, wie erst am 27. November in den Zeitungen zu lesen ist.

 

Die Stimmzettel

Stimmzettel müssen die Parteien selbst herstellen und sie durch tausende Vertrauensleute, die vor jedem Wahllokal postiert sind, den Wählern in die Hand drücken. Der Stimmzettel muss 9,5 bis 11,5 Zentimeter lang und 6,5 bis 8,5 Zentimeter breit und außerdem aus weichem, weißlichem Papier sein. Auf dem Papier muss die Parteibezeichnung, ein eindeutig einer Partei zuzuordnender Name des Kandidaten angegeben sein. Dies führt unter anderem dazu, dass auch Parteizeitungen Stimmzettel mit der jeweils gewünschten Wahl vorab zum Ausschneiden für die Bürger abgedruckt haben. Den amtlichen Stimmzettel, wie wir ihn heute kennen, gibt es erst seit 1959.

Die vier alliierten Besatzungsmächte haben ihr Versprechen eingehalten, sich nicht in den Wahlkampf einzumischen. Aber die Österreicher bleiben vorsichtig: Was, wenn die Sowjets im letzten Moment eine vierte Partei ins Spiel bringen, und zwar so spät, dass es für sie keine Stimmzettel gibt, was die Wahl ungültig machen würde? Also lässt das Innenministerium weiße Zettel drucken, die nur die Aufschrift „4. Partei“ tragen.

Sie werden nicht gebraucht. „Ein Kulturvolk hat gewählt“, schreibt die Tageszeitung „Neues Österreich“ nicht ohne Stolz. Sicherheitshalber ist das Ausschenken von Alkohol während der Wahl und bereits am Tag davor verboten. Natürlich weiß die Polizeiwache etwa in Wien-Gersthof, dass die Wirtin Hermine Scheidl in der Herbeckstraße schon am Vortag Wein für die Stammgäste in harmlose Limonadeflaschen umgefüllt hat. Sie ist nicht erwischt worden und hat ihr Leben somit unbescholten beendet.

 

Wahlbehörde im Wintermantel

Ab 16 Uhr wird in jedem Wahllokal gezählt und das Resultat der nächst höheren Wahlbehörde gemeldet. Die Veröffentlichung von Ergebnissen, so haben die Alliierten verfügt, darf nicht während der Dunkelheit erfolgen, sondern jeweils nur zwischen neun und 15 Uhr. Nach Abschluss der Wahlen ist dem Alliierten Rat ein „Generalbericht“ vorzulegen, der Informationen über allfällige Schwierigkeiten und Zwischenfälle enthalten sollte. Doch zu solchen ist es nicht gekommen.

Im Innenministerium amtiert die Hauptwahlbehörde unter primitivsten Voraussetzungen. Der große Festsaal ist ungeheizt, also arbeiten die Vertreter der drei Parteien im Wintermantel. Leider gibt es von diesem denkwürdigen Wahlabend nur ein verwackeltes Foto. Nur ein einziger Fotograf ist zugelassen.

Bis zum Montagabend dauert es, bis alle Detailergebnisse telegrafisch und telefonisch erfasst sind. Dann die große Überraschung: Die Kommunisten sind vernichtend geschlagen. Hatten sie selbst mit etwa einem Drittel der Stimmen gerechnet, so sind es jetzt nur 5,42 Prozent. Diesen 174.257 Stimmen stehen 1.602.227 für die Volkspartei gegenüber (49,8%) und 1.434.898 für die Sozialisten (44,6%).

Lange Zeit zittert nicht nur die KPÖ, ob sie überhaupt ein Grundmandat erringen werde. Auch die Amerikaner sehnen dieses Mandat regelrecht herbei, denn dass die KPÖ überhaupt nicht im Nationalrat vertreten wäre, das hätten die Sowjets wohl nicht zugelassen. Wr. Neustadt rettet die Kommunisten schließlich vor der totalen Blamage.

In seinem Standardwerk „Österreich II“ zitiert Hugo Portisch den seinerzeitigen Rundfunkdirektor, Rudolf Henz, mit folgender Anekdote: Am Montagmorgen, es ist noch kein Ergebnis festgestanden, ist der sowjetische Zensuroffizier Oberstleutnant Goldenberg bei dem Radiomann aufgetaucht: „Also, wie steht's?“ Henz: „Wir haben noch nicht alle Resultate, aber wir wissen schon, die ÖVP hat bis jetzt 35 Mandate, die SPÖ 25 und die Kommunisten drei.“ Worauf Goldenberg seinen Chef im Hotel Imperial anrief und ins Telefon schrie: „Tri kommunisti, njet trizat, tri kommunisti, njet trizat!“ Also drei Mandate, nicht dreißig, wie der Chef hören wollte. „Dann haute der Goldenberg das Telefon hin, setzte die Kappe auf, raste hinaus und haute die Tür zu. Wir sind uns um den Hals gefallen und haben getanzt: Österreich ist gerettet.“

 

Die ÖVP könnte allein regieren

Überrascht ist man auch, wenngleich freudig, in der Volkspartei. Alfred Maleta, ein Mann der „Stunde Null“, erinnerte sich, dass niemand in den Parteigremien auf den Gedanken gekommen wäre, mit der überraschenden absoluten Mehrheit an Mandaten womöglich allein regieren zu wollen. Das hätte die ideologischen Gräben aus der Zwischenkriegszeit wieder aufgerissen.

Die provisorische Staatsregierung Renner tritt zurück, die stimmenstärkste Partei kann nun ihren Kanzlerkandidaten, Leopold Figl (43), nominieren. Aber wer soll ihm den Auftrag erteilen, ein Kabinett zu bilden? Es gibt noch keinen Bundespräsidenten. Also übernimmt der Kabinettsrat der soeben zurückgetretenen Renner-Regierung diesen Formalakt. Der Start ist gelungen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.11.2015)