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"Die Katastrophe findet im Verborgenen statt"

Mit dem Handel von antiken Gütern klingelt die IS-Kriegskasse, sagt Archäologe Michael Müller-Karpe.

Die Käufer finden sich in Europa, beispielsweise in London, München, aber auch in Österreich, sie finden sich in den USA und Russland. Interessenten gibt es nicht wenige. Sie kaufen antike, ungemein wertvolle Gegenstände, die meist von der lokalen Bevölkerung in Syrien und Irak ausgegraben und über Mittelsmänner des sogenannten Islamischen Staats (IS) den kunstsinnigen Käufern serviert werden.

Der Verkauf von antiken, provenienzlosen Gegenständen ist durchaus lukrativ für den IS – und die Strukturen, die das selbsternannte Kalifat für das Plündern, Schmuggeln und Vermarkten aufgebaut hat, tragen mafiöse Züge. Der IS habe sogar so etwas wie ein Antikenministerium, sagt der Archäologe Michael Müller-Karpe vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz, der kürzlich in Wien zu diesem Thema referiert hat. Das „Ministerium“ ist demnach für die kommerzielle Verwertung der archäologischen Stätten zuständig; es verpachtet Raubgräbern Parzellen und kassiert für jedes geplünderte Objekt Steuern. „Das ist ein ganz normales Geschäft dort“, sagt Müller-Karpe. Der IS dockt dabei an bestehende, weltweit agierende Netzwerke an, die mit Antiken ebenso handeln wie mit Menschen, Waffen und Drogen.

Die Erkenntnisse Müller-Karpes basieren unter anderem auf Satellitenbildern von archäologischen Stätten, die unter Kontrolle des IS stehen. Auch erhält er Informationen von Kollegen vor Ort, die unter größten Gefahren ihr Wissen weitergeben. Wie viel Geld der IS – aber auch andere Terrornetzwerke wie al-Qaida – durch den Handel mit archäologischen Gütern umsetzt, lässt sich allerdings schwer beziffern, zumal die von den archäologischen Stätten geraubten Antiken – im Gegensatz zu jenen aus Museen gestohlenen – nicht registriert sind. Eine seriöse Einschätzung wäre nur möglich, wenn man in die kriminellen Strukturen eindringt und dort selbst Teil der illegalen Machenschaften ist, so der Archäologe. Fest steht, dass die Kriegskassen der Terroristen nur klingeln, solang es einen Markt gibt, der keine unangenehmen Fragen stellt. „Jeder Käufer muss sich im Klaren sein, dass er Verantwortung trägt – nicht nur für die von ihm gesponserte Kulturzerstörung. Er finanziert unter Umständen auch das Messer, mit dem Köpfe abgeschnitten werden“, sagt Müller-Karpe.

„Das Gejammer über den kulturverachtenden IS bleibt unglaubwürdig, wenn wir es nicht schaffen, dessen kunstsinnige Financiers hier bei uns zu stoppen.“ Denn die medienwirksam zelebrierte Zerstörung berühmter archäologischer Monumente sei nur die „Spitze eines entsetzlichen Eisbergs“. Die systematische Zerstörung der Stätten durch Raubgrabungen habe inzwischen eine Dimension erreicht, die jede Vorstellungskraft sprengt: „Die eigentliche kulturelle Katastrophe findet im Verborgenen statt.“

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.11.2015)