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Da draußen wütet ein Krieg: Wie sag ich's meinen Kindern?

APA/EPA/OLIVIER HOSLET
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Die Geschehnisse verschweigen zu wollen, macht alles noch schlimmer: Fernseher abschalten, Zeitungen verstecken, die sozialen Netzwerke abdrehen ist sinnlos.

Viele Eltern fragten sich in den vergangenen Tagen, wie sie wohl ihre Kinder vor den Nachrichten über die Gräueltaten der Terroristen am besten abschirmen könnten. Aber Abschirmung funktioniert ebenso wenig wie das Negieren der Tatsache, dass sich Europa tatsächlich in einem Krieg befindet.

Den Terrorangriffen sollte mit den Worten Jens Stoltenbergs entgegnet werden, hörte man zuletzt immer wieder. Der frühere norwegische Premierminister hatte nach dem Massaker auf der Utøya Insel dazu aufgerufen, den Hass mit Liebe zu beantworten. Doch die Gleichsetzung der Tat eines einzelgängerischen Psychopathen in Norwegen mit den organisierten Terrorattacken radikaler Moslems in Frankreich würde bedeuten, die Realität zu verleugnen. Es käme einer typisch kindlichen Abwehrreaktion gleich, die darin besteht, sich die Augen zuzuhalten, weil nicht ist, was man nicht sieht.

Dementsprechend ist es illusorisch und falsch, zu versuchen, Kinder vor den grässlichen Vorkommnissen abzuschirmen. Den Fernseher abschalten, die Zeitungen verstecken und einschlägige Mitteilungen in den sozialen Netzwerken löschen zu wollen, ist sinnlos. Die Geschehnisse verschweigen zu wollen, macht alles noch schlimmer. Es regt vielmehr die Fantasien der Kinder zusätzlich an, dass etwas Schreckliches passiert sein müsse. Kinder spüren die Angst und Unsicherheit der Eltern. Dies noch dazu in einem Moment, da sie besonders deren Sicherheit, Kraft und Orientierung benötigen.

Darüber reden, lautet daher das Gebot der Stunde. Selbstverständlich müssen solche Gespräche altersadäquat geführt werden. Junge Menschen mit grässlichen Bildern zu konfrontieren, ist natürlich falsch. Sich aber für Gespräche genügend Zeit zu nehmen und im Rahmen der Familie einen entsprechenden Raum zu geben, wird sogar einen positiven Effekt auf das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern haben. Es sind genau diese Momente, da die wichtigsten Funktionen von Eltern gefordert sind: den Kindern das sichere Gefühl zu geben, dass man selber, die Polizei und alle staatlichen Einrichtungen alles tun, um sie zu beschützen und ihre Sicherheit zu gewährleisten.

Mit Kindern Zeitungsartikel und Internetpostings durchzugehen, zu analysieren und zu besprechen, macht nicht nur eine bewusste Auseinandersetzung möglich. Vielmehr lernen die jungen Menschen dabei auch, solche Meldungen kritisch zu hinterfragen; und sie lernen ebenso, einen gesunden Hausverstand dafür zu entwickeln, wie realistisch – oder auch nicht – so manche Nachricht ist, die über das Internet daherkommt.

Adoleszente wie auch viele Erwachsene werden sich – ob es ihnen gefällt oder nicht – damit auseinandersetzen müssen, dass Europa einen entscheidenden Kampf zu führen hat. Dafür wird es mitunter nötig sein, Kriege dort zu führen, wo sich die Ausgangsbasis der Terroristen befindet. Gleichzeitig muss die Tätigkeit der Geheimdienste der westlichen Staaten derart intensiviert werden, dass weitere Terrorattacken schon präventiv verhindert werden können.

Ob es Europa gefällt oder nicht: Der Kampf gegen den Terror wird nach dem Vorbild der USA und Israel zu führen sein. Israel ist seit der Gründung des Staates mit Terrorismus konfrontiert, die USA spätestens seit den Anschlägen vom 11. September 2001. Es ist dies für Demokratien und Rechtsstaaten immer eine extrem schwierige Gratwanderung. Unterschiedliche Rechtsgüter sind abzuwägen, es besteht dabei die Gefahr von Fehlentwicklungen und Missbrauch, von falschen Entscheidungen – und alles unter den Augen neugieriger und freier Medien, der eigenen rechtsstaatlichen und demokratischen Institutionen sowie einer kritischen inländischen und internationalen Öffentlichkeit.

Es sind derzeit keine besonders rosigen Aussichten, die wir uns selber vergegenwärtigen und unserem Nachwuchs vermitteln müssen. Aber es hilft nichts, wenn wir uns und unsere Kinder angesichts dieser Gefahren einfach abwenden.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zum Autor:

Mag. Martin Engelberg ist Psychoanalytiker, geschäftsführender Gesellschafter der Vienna Consulting Group, Lehrbeauftragter an der Wirtschaftsuniversität Wien und Herausgeber des jüdischen Magazins „NU“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.11.2015)