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„Deutschland 83“: Ein DDR-Spion wider Willen

Deutschland 83 Serie Der DDR-Bürger Martin Rauch (Jonas Nay) wird bei der deutschen Bundeswehr eingeschleust.
Der DDR-Bürger Martin Rauch (Jonas Nay) wird bei der deutschen Bundeswehr eingeschleust.(c) RTL
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In der Serie „Deutschland 83“ zwingt die DDR einen jungen Mann, für sie im Westen zu spionieren. Die RTL-Produktion wurde in den USA gelobt, hat aber Defizite in der Logik.

Die Serie „Deutschland 83“, die ab Donnerstag in Doppelfolgen auf RTL startet, beginnt mit einer brutalen Entwurzelung: Der DDR-Auslandsnachrichtendienst will den jungen Martin Rauch (Jonas Nay) überzeugen, in den Westen zu gehen, um dort einen Bundeswehrgeneral auszuspionieren. Allein, Martin fühlt sich wohl in der DDR: Er hat Spaß an seiner Arbeit beim Grenzschutz, ist mit der hübschen Annett (Sonja Gerhardt) zusammen und hat eine kranke Mutter (Carina N. Wiese), die er pflegen muss. Er ist nicht willig, so braucht es Gewalt: Mit gebrochener Hand und Kopfschmerzen wacht Martin im Westen auf. Bei der ersten Gelegenheit reißt er aus, rennt in neuen, weißen Turnschuhen durch eine ihm fremde Stadt und kommt schließlich in einem Supermarkt vor der Obst- und Gemüseabteilung zum Stehen.

Wie sie leuchten, die Äpfel, Orangen, Ananas und Bananen! Martin lässt sich wieder einfangen, sich widerwillig doch rekrutieren. Ob er die Aussichtslosigkeit seiner Flucht einsieht oder den Lockruf des Kapitalismus vernimmt, lässt die Serie offen. „Deutschland 83“ konzentriert sich auf Martins Spionagetätigkeit samt heimlicher Treffen im Wald mit seiner verschwörerischen Tante (Maria Schrader) und nervenaufreibender Action-Sequenzen.

Für Martin gibt es viel zu tun, steuert der Kalte Krieg im titelgebenden Handlungsjahr 1983 schließlich im Streit um in der BRD stationierte Pershing-Mittelstreckenraketen auf eine Eskalation zu. Die acht Folgen der ersten Staffel tragen die Namen realer Nato-Manöver, die das Verhältnis zwischen den USA und der Sowjetunion angespannt haben, von Brave Guy bis zu Able Archer. Bei letzterer Übung sollen die Sowjets den Westen gar verdächtigt haben, sie als Deckmantel für einen tatsächlich unmittelbar bevorstehenden Nuklearschlag zu benutzen. Die Serie steckt Martin, eingeschleust in die Bundeswehr, mitten in diesen Konflikt. Er erweist sich als überaus talentierter Spion, die Lügen gehen ihm leicht über die Lippen, und er macht mehr, als er müsste.

Jonas Nay spielt Martin Rauch(c) RTL/Quantum Jump

Serie lief zuerst im US-Fernsehen

Als „Ausnahmeserie“ bewirbt RTL seine Eigenproduktion, und für RTL ist sie dies auch, schließlich hat sich der deutsche Privatsender bei der Produktion qualitätsvoller Formate nicht gerade hervorgetan. Mit einem Coup gelang es ihm auch, die Erwartungshaltung zu schüren: „Deutschland 83“ wurde Monate vor dem deutschen Start im kleinen US-Kabelsender Sundance TV gezeigt – in Originalsprache mit englischen Untertiteln. Die US-Kritiker zeigten sich begeistert, dazu trugen sicher auch die Musik – von Nena über Peter Schilling bis zu den Eurythmics – und originalgetreue Ausstattung bei. Doch „Deutschland 83“ lässt nach der starken Pilotfolge deutlich nach, vor allem verglichen mit der anderen großen Serie über diese Ära des Kalten Kriegs, „The Americans“. Darin spioniert ein sowjetisches Paar in Washington für den KGB. In der US-Serie gibt es auf jede Aktion eine Reaktion, jeder Schwindel zieht einen weiteren nach sich, und langsam baut sich ein Lügengebäude auf, das kaum mehr zu überblicken ist.

Der Produktionssender von „Deutschland 83“, vielleicht auch die Autoren Anna und Jörg Winger, trauen ihrer Handlung – und ihren Figuren – weniger zu. Der junge DDR-Spion hetzt zwischen Bonn, Köln und Berlin hin und her. Er ist im einen Moment plötzlich bester Freund des Sohns seines Chefs, im nächsten verführt er dessen Tochter und im übernächsten verbuddelt er eine Leiche im Wald. Allerortens entspinnen sich Dramen, die Logik der Handlung hat dabei das Nachsehen.

Nur in einem wirkt „Deutschland 83“ nuancierter als „The Americans“: Das Bild, das die Serie vom kommunistisch regierten Land zeichnet, ist vielschichtiger. Die DDR ist grässlich und behaglich zugleich. Die Figuren haben Angst vor der Willkür der Machthaber, und doch ist die DDR ihr Zuhause, gibt Orientierung und ein Gefühl von Sicherheit. „Deutschland 83“ hätte gut daran getan, dieses Spannungsfeld auszuloten und Martins inneren Konflikt zu betonen: den zwischen den Verlockungen des Westens und jenen der Geborgenheit der Heimat im Osten. Das hätte schon gereicht.


[LOUPL]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.11.2015)