Keine Angst vor Neuer Musik

Klaviertastatur mit Notenblatt
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Kunst.Lang galt Neue Musik als etwas für Insider. Das hat sich geändert, hat die Salzburger Musikwissenschaftlerin Simone Heilgendorff in einem Projekt über Festivals zeitgenössischer Musik in Paris, Warschau und Wien festgestellt.

Giacinto Scelsi, Karlheinz Stockhausen, Helmut Lachenmann, Luciano Berio oder Georg Friedrich Haas: Bis vor einigen Jahren konnte nur eine kleine, mit der zeitgenössischen Musik vertraute Fangemeinde mit diesen Namen etwas anfangen. Die Komponisten und ihre Werke waren in der Breite der Gesellschaft weitgehend unbekannt. Dass das mittlerweile anders geworden ist und die zeitgenössische Musik ein breiteres Publikum anspricht, dafür haben auch große Festivals für Neue Musik gesorgt.

In einer vergleichenden Studie hat die Salzburger Musikwissenschaftlerin Simone Heilgendorff mit ihrem Team genau analysiert, was diese Festivals tun und wer ihr Publikum ist. In dem vom österreichischen Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekt wurden der seit 1956 existierende Warschauer Herbst, das 1972 gegründete Festival d'Automne à Paris und das 1988 erstmals veranstaltete Festival Wien modern untersucht. Ein Herzstück des Projekts war 2014 die Befragung des jeweiligen Publikums der Festivals. Insgesamt wurden mehr als 1500 Fragebögen ausgewertet.

 

Teil des städtischen Lebens

„Die zeitgenössische Kunstmusik ist in das städtische Leben hineingewachsen“, sagt Heilgendorff über die Ergebnisse der Untersuchung. Sie sei zwar weiterhin kein Massenphänomen, habe aber bei den kulturell interessierten urbanen Schichten dieser Städte mittlerweile einen fixen Platz. Auch zahlreichen Menschen der wachsenden Szene kreativer Berufe – von Designern über Musikmanager bis hin zu Theatermachern – werden durch die Festivals angezogen. Die Veranstaltungen haben dazu beigetragen, die Neugier an dieser Musik zu wecken, sie fungieren für viele Menschen als Türöffner.

Obwohl sich alle drei Festivals international ausrichten, kommt der Großteil der Besucher aus der jeweiligen Stadt und Umgebung. Dem Warschauer Herbst gelingt es dabei, das jüngste Publikum anzusprechen: Im Durchschnitt sind die Besucher 36 Jahre alt. In Paris und Wien liegt das Durchschnittsalter bei 53 bzw. 52 Jahren. Wien modern hat einen besonders hohen Anteil an Stammgästen.

Ein Grund für die breitere Etablierung der Festivals ist deren Öffnung. „Alle drei Festivals haben sich seit etwa der Jahrtausendwende offenbar auf die Suche nach neuen Spielorten und neuen Formaten gemacht“, beobachtete die Wissenschaftlerin. Stillgelegte Fabriken, revitalisierte Stadtviertel und coole Clubs sind Orte, an denen es im Rahmen des Festivals Neue Musik zu hören gibt. „Damit ist es den Veranstaltern gelungen, auch jüngere und neue Publikumsschichten anzusprechen“, erläutert Heilgendorff.

 

Mehr Mut beim Vermitteln

Diese Eroberung der Städte, ein anspruchsvolles, aber internationales, ästhetisch breit aufgestelltes Programm und eine professionelle Öffentlichkeitsarbeit sind für die Musikwissenschaftlerin wesentliche Erfolgsfaktoren für ein Festival Neuer Musik. Viel Potenzial sieht sie bei der Vermittlungsarbeit – sowohl für Erwachsene als auch für Kinder und Jugendliche.

„Da braucht es noch mehr Aktivitäten und Mut“, ist Heilgendorff überzeugt. Warschau ist dabei mit seinem Little Warsaw Autumn Paris und Wien deutlich voraus. Das Ergebnis dieses Engagements ist ein deutlich jüngeres Publikum als bei den anderen beiden Festivals.