Pop

Pop hat doch etwas Schmähliches, oder?

Electric Indigo
Electric Indigo(c) Markus Sepperer/Wien Modern
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Bei Wien Modern war man sich heuer gar nicht sicher, wie man mit dem Thema Pop umgehen sollte.

„Die Mechanismen der Popkultur scheinen mir seit meiner Zeit als Jugendliche verdächtig und befremdlich“, sagt die Wiener Komponistin Pia Palme: „Ich frage mich als Komponistin, woran Pop scheitert.“ Nach ihrem bei Wien Modern uraufgeführten Werk „Under Elephantine Skin“ hat sich der – zugebenermaßen der Popmusik zugeneigte – Rezensent eher gefragt, woran die Komponistin da gescheitert ist. Wohl vor allem an Unentschlossenheit: Das betuliche Stück beginnt damit, dass es nicht wirklich beginnt; Flöte und Theorbe dürfen auch im Weiteren vor allem schüchtern ihre Möglichkeiten erkunden, wie man das in der neueren E-Musik gern nennt; der von einem Countertenor zumeist gesprochene Text mündet in eine ebenso zaghafte Verweigerung: „Protectors of greed: I will not sing any more for your entertainment.“

Leicht pikierte Distanzierung von Pop – der eigentlich ein Thema des heurigen Festivals sein sollte – hat ja schon die Eröffnungsrede von Susanne Kirchmayr vulgo Electric Indigo beherrscht: Pop habe für sie „oft etwas Schmähliches, mit Kommerz oder Sellout Konnotiertes, von dem ich mich seit etwa zweieinhalb Jahrzehnten abzugrenzen versuche“, sagte sie und versicherte: Nein, mit Unterhaltung wolle sie nichts zu tun haben, nur mit Subkultur, die Form Song sei „von der Regression des Hörens betroffen“, und überhaupt, in den coolen Clubs, die sie schätze, komme auch nicht jeder herein . . .

Stereotype. Die alte elitäre, vorgeblich von Adornos Kulturkritik geadelte Haltung also: Pop? Wie peinlich! Da hört doch das gemeine Volk zu! Um das tunlichst zu vermeiden, ist man lieber fad. Wie Electric Indigos Stück „Barry Duffman“: metallische, oft martialische Techno-Bruchstücke, illustriert mit Bildern von Models, zitternden Lippen, auf Gold beißenden Zähnen, flimmernden XY-Symbolen. Es ging wohl um Stereotype oder um Dekonstruktion von Stereotypen, oder um Stereotype der Dekonstruktion von Stereotypen . . . Egal.

Ernsthaft mit Elementen des Pop befasste sich an diesem großspurig „A Phenomenology of Pop“ betitelten Abend nur Jorge Sánchez-Chiong. „Disco Hurt Me in a Lot of Ways“ hieß sein Stück, nach einem Zitat von James Brown, und es war fast so fesselnd wie dessen Hits. Sánchez-Chiong zerhackt Dancefloor-Tracks in kleine Stücke und schweißt sie wieder zusammen, zu einer Achterbahn der Beats, auf der einem schwindlig werden kann. Für eine besonders arge Passage hat er angeblich einen Snaredrum-Schlag aus jedem Nummer-eins-Hit von 2000 bis 2010 verarbeitet. Egal, ob's stimmt oder nicht: eine originelle Idee.

Auch zwei Stücke am Samstag befassten sich respekt- und fantasievoll mit Popmusik – mit Werken freilich, die an die 50 Jahre alt sind und von denen sich vielleicht nicht einmal Susanne Kirchmayr abgrenzen muss. Zunächst „Restless Feeling“ von David Horne, eine Art Medley aus Motiven des ersten Albums von Velvet Underground (1967): die Stakkato-Raserei von „Waiting for the Man“, die Glocken von „Sunday Morning“, das Riff von „All Tomorrow's Parties“ usw., anmutig miteinander verbunden, wodurch natürlich die monotone Manie dieser Stücke etwas relativiert wurde.

Noch überzeugender: der „Interstellar Overdrive Remix“ von Vítor Rua. Er beginnt seine Bearbeitung des großen Pink-Floyd-Instrumentalstücks (ebenfalls aus dem Jahr 1967) mit einer von den Musikern gesprochenen, gehauchten und gezischten Beschwörung der Zeit. Was im allerersten Moment manieriert anmuten mochte, stellte sich als höchst stimmig heraus. Denn wie das Original untersucht Ruas Stück die Rolle der Zeit, in der das Thema aufblitzt und wieder verschwindet, die weiterfließt, während der Rhythmus scheinbar verschwunden ist. Dass er stets noch immer da ist, arbeitete das freudig engagierte Remix Ensemble perfekt heraus, mit emsigen Zeichen geleitet von Peter Rundel. Sagen wir es altmodisch: ein psychedelisches Erlebnis.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.11.2015)

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