Die Eiseskälte der Vulkane

(c) AP (M. Scott Moon)
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Den Ausbruch des Toba bzw. den dadurch ausgelösten Temperatursturz vor 74.000 Jahren überlebte die Menschheit vermutlich nur knapp.

Unter dem Mount St. Helens im US-Bundesstaat Washington braut sich etwas zusammen. St. Helens ist ein Vulkan, der zum ersten Mal vor etwa 40.000 Jahren ausbrach und bisher zum letzten Mal 1980, 57 Menschen kamen zu Tode. Seitdem ist er relativ ruhig, lässt nur ab und zu Dampf ab. Aber in seiner Tiefe sammelt sich etwas an, das zu einer gewaltigen Eruption – einem „Supervulkan“ – führen könnte, das fürchtet Graham Hill, ein australischer Geophysiker. Er hat das Gestein unter dem Berg mit Magnetotellurik analysiert, einem Verfahren, das aus den an der Erdoberfläche messbaren elektrischen und magnetischen Feldern Schlüsse auf den Untergrund zieht, auf seine Leitfähigkeit.

Ist sie hoch, kann das daran liegen, dass das Gestein geschmolzen – und gefährlich – ist, es kann aber auch ein Zeichen für Grundwasser sein. Zu letzterer Interpretation kamen andere Forscher, als sie 1980 maßen und in 15 Kilometer Tiefe eine Zone erhöhter Leitfähigkeit fanden, die sich 70Kilometer nach Nordwesten zum Mount Rainier und 50 Kilometer nach Osten zum Mount Adams zog, beides auch Vulkane. Hill kommt nun zum gleichen Befund, deutet ihn aber anders, weil er eine direkte Verbindung zwischen der magmagefüllten Spalte unter St. Helens und den leitfähigen Bereichen in der Tiefe fand: „Es könnte eine wirklich große, große Explosion geben, wenn es eines dieser großen Systeme wie Yellowstone ist“, erklärte der Forscher (New Scientist, 10.6.).

Yellowstone? Auch dort liegen in der Tiefe riesige Magmakammern – 40Kilometer lang, 20 breit, 10 dick –, sie drängten zuletzt vor 642.000 Jahren nach oben, deckten halb Nordamerika mit Asche ein und die ganze Erde vermutlich mit einem „Vulkanwinter“.

Das ist die Fernwirkung der Vulkane, sie verdunkeln – mit Schwefeldioxid – die Atmosphäre. Zuletzt zeigte sich das Phänomen beim Ausbruch des Pinatubo 1991; die Temperaturen gingen um 0,5Grad zurück, man merkte es kaum und nahm es angesichts der Erwärmung eher erleichtert auf. 1816 war das anders, die Nordhalbkugel wurde eisig, in Europa sprach man vom „Jahr ohne Sommer“, in den USA von „eighteen hundred and frozen to death – das war kein Spaß, es gab Hungersnöte. Alles kam vom Ausbruch des Tambora in Indonesien 1815.

„Genetischer Flaschenhals“

Der war stark, aber früher gab es noch viel stärkere. Und einer von ihnen, der des Toba in Indonesien vor etwa 74.000 Jahren, steht gar im Verdacht, die ganze damalige Menschheit an den Rand der Ausrottung getrieben zu haben. Darauf – auf einen „Flaschenhals“: eine Dezimierung auf 100 bis 10.000 reproduktionsfähige Paare – deuten unsere Gene und die unserer Begleiter, der Läuse, und einer Bakterienart, die wir in Zellen tragen, Helicobacter pylori.

Aber die Hypothese, die 1998 von Stanley Ambrose (University of Illinois) vorgeschlagen wurde und auf eine vulkaninduzierte Eiszeit hinauslief, ist umstritten, bisherige Modellrechnungen haben sie nicht bestätigt. Allerdings fehlten in diesen Modellen Faktoren, etwa die Vegetation (deren Erfrieren eine Abkühlung verstärkt, weil der nackte Untergrund mehr Sonnenlicht reflektiert). Alan Robock (Rutgers University) hat deshalb noch einmal gerechnet: Eine Eiszeit hätte der Auswurf des Toba nicht bringen können, aber eine rasche und Jahrzehnte dauernde globale Abkühlung um zehn Grad: „Er mag wirklich einen genetischen Flaschenhals verursacht haben (Journal of Geophysical Research, 27.5.).

SUPERVULKAN TOBA

Vor 74.000 Jahren brach der Toba in Indonesien aus, er war ein „Supervulkan“ (auch wenn es keine exakte Definition dafür gibt): Er schleuderte 2800 Kubikkilometer Material in die Luft – beim St. Helens 1980 war es ein km3, beim Pinatubo 1991 waren es vier. Deren Folge war eine Abkühlung um 0,5 Grad. Beim Toba waren sie gravierender: minus zehn Grad auf Jahrzehnte. Das dezimierte die Menschheit vermutlich auf 100 bis 10.000 reproduktionsfähige Paare.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.06.2009)

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