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Werner Wutscher: "Man muss erst säen, um zu ernten"

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Werner Wutscher war hochrangiger Beamter, dann Topmanager und stellt jetzt als Business Angel Start-ups Geld und Know-how zur Verfügung. Für sich investiert er in Bücher, Bildung und Kunst, erzählt er der "Presse".

Die Presse: Ein Internetmagazin hat über Sie geschrieben: „Ehemaliger Beamter wird Business Angel“. Kann man Ihren Lebenslauf so umreißen?

Werner Wutscher: Das stimmt, weil ich eine untypische österreichische Karriere gemacht habe. Normalerweise möchten ja alle Hofrat werden und so auch alt werden. Ich bin vom Beamtenjob – ich war 14 Jahre in einem Ministerium – in einen Konzern gegangen. Jetzt bin ich Unternehmer.

Wollen junge Menschen noch immer Beamte werden?

Das ändert sich fundamental, an der Wirtschafts-Uni gibt es auch viele Initiativen für das Unternehmertum. Aber noch vor drei Jahren war ich fassungslos, dass ein Großteil der WU-Absolventen ins Außenamt wollte. Denen wünsche ich viel Glück und schönes Wetter. Bei der jetzigen Budgetsituation sind Jobs in der Verwaltung alles andere als interessant, und in der Gehaltsstruktur hat sich durch die Pensionsreform viel geändert.

Was hat Sie bewogen, Business Angel zu werden?

Als Business Angel ist man, wie ein Unternehmer, viel freier. Sowohl in einem Ministerium als auch einem Konzern gibt es viel Politik – was im Grund ja nichts Schlechtes ist. Ich bin draufgekommen, dass ich gern Sachen machen würde, die mir Spaß machen, in großer Freiheit. Deshalb war für mich bald klar, dass ich Unternehmer werde.

Haben Sie nicht auch den richtigen Zeitpunkt erwischt? Business Angels gibt es hierzulande ja noch nicht so lang.

Das kann man nicht planen. Eine Rolle hat gespielt, dass ich in Amerika studiert habe und so mit ganz anderen Ideen in Kontakt gekommen bin. In Österreich hat man als Unternehmer noch immer mit vielen Vorurteilen zu kämpfen.


Welche Vorurteile sind das?

Dass Unternehmer Kapitalisten mit einem fetten Mercedes sind. Dieses Bild wird teilweise auch von Medien transportiert. Ich fahre mit dem Rad und viele meiner Kollegen auch. Der springende Punkt ist, ob man sich zutraut, mit dem eigenen Unternehmen die Familie zu ernähren – ohne einen Chef. Davor fürchten sich in Österreich viele. Wichtig ist, dass man selbst Verantwortung übernimmt und weniger raunzt, sondern etwas macht. Da tun sich viele schwer.

Haben Sie auch Angst gehabt?

Der große Schritt war für mich aus der Verwaltung in den Konzern (Rewe, Anm.). Das hätte ich nie getan, wenn ich nicht die Ausbildung in Harvard gemacht hätte.

Wie viel Geld braucht man, um Business Angel zu werden?

Da gibt es viele Mythen, im Grund sind die Beträge nicht so groß. Junge Unternehmen sprechen zwar immer über Geld, brauchen aber eigentlich andere Dinge. Deshalb reden wir jetzt von Smart Money. Es geht darum, das Start-up bei der Hand zu nehmen, das eigene Netzwerk zu öffnen, Coaching zu machen. Man kann schon ab 20.000 Euro Business Angel sein, wenn man diese zusätzliche Kompetenz einbringt.

Die Kombination Geld, aber keine Ahnung bringt also nichts?

Nein. Deshalb soll man nur in Sachen investieren, bei denen man sich auskennt. Deshalb beschäftige ich mich mit E-Commerce und nachhaltigen Themen. Und man muss auch Zeit investieren. Ein Start-up ist kein Sparbuch, in das man 20.000 Euro legt und nach fünf Jahren wieder nachschaut. Man muss das Start-up begleiten.


Rechnet sich der Aufwand?

Wir leben in einer Zeit, in der die Gräben zwischen der alten und der neuen Wirtschaft extrem groß sind. Die alte Wirtschaft tut sich extrem schwer mit Themen wie Digitalisierung, das wird sehr skeptisch gesehen. Eine Möglichkeit, sich auf diese neuen Themen einzulassen, ist, mit Start-ups zu kooperieren oder sie zu begleiten. Das machen wir in unserem Unternehmen.

Start-ups bearbeiten ja ganz neue Felder, in denen der Erfolg nicht abschätzbar ist. Investiert man da nicht in eine Blackbox?

Natürlich ist das ein Risiko. Sie müssen aber einmal säen, um zu ernten. In Zeiten, in denen die traditionellen Geschäftsmodelle so unter Druck kommen, wie etwa die Medien oder die Banken, müssen sich Unternehmen überlegen, wohin die Reise geht. Es ist eine riesige Chance für etablierte Unternehmen oder Manager, von den Jungen zu lernen.


Die Rendite besteht also nicht nur in einer Gelddividende, sondern auch in Know-how?

So ist es. Es geht ums Lernen über diese neue Welt. Damit kann ich auch mein Unternehmen weiterbringen. Natürlich muss auch eine Rendite dabei sein, sonst würde ich es nicht tun.

Wenn man zehn Start-ups hat, wie viele dürfen scheitern?

Rund 60 Prozent scheitern hierzulande. Grundsätzlich muss man entscheiden, ob man einen Exit machen will, also mit Profit aussteigen. Oder ob sich das Start-up zu einem Klein- oder Mittelbetrieb entwickelt, der Ertrag abwirft.

Was wollen Sie?

Das hängt sehr stark vom Geschäftsmodell ab. Wir haben etwa mit Iyzico in Istanbul ein Paymentsystem für kleine Händler. Dafür gibt es allein in Istanbul einen riesigen Markt. Das ist ein klassischer Fall für einen Exit, bei dem große Fonds einsteigen werden. Der Wieser Verlag dagegen, in dem wir über Crowdfunding (Finanzierung durch viele kleine Anleger, Anm.)Bücher finanzieren, wird immer ein kleiner Verlag bleiben, aber er wird versuchen, das Risiko kleiner zu machen.

Ist es besser, in ein Start-up zu investieren als in Aktien?

Bei etablierten Unternehmen kann man das KGV ausrechnen, Bilanzen und Analysen anschauen. Ein Start-up hat nichts. Man muss den Gründern glauben und dafür ein gutes Gefühl entwickeln. Das Risiko ist viel höher.

Facebook war auch einmal ein Start-up...

Ich wollte gerade „aber“ sagen. Facebook zeigt, dass das Risiko hoch ist, man aber auch schnell sehr viel Geld machen kann. Runtastic zeigt, dass das auch in Österreich möglich ist.

Was raten Sie einem Gründer?

Basis sind die Geschäftsidee und das Engagement. Frauen sind übrigens ganz anders als Männer, viel vorsichtiger und risikoaverser. Die muss man oft packen, dass sie sich trauen. Die jungen Herren sagen: „Umsatz null, Bewertung 20 Millionen“ – das erlebe ich jeden Tag. Man braucht Know-how, um das Geschäftsmodell zu hinterfragen, damit das Start-up nicht am Markt vorbei agiert. Und dann muss man fragen: Sucht man einen strategischen Investor oder Vertriebspartner? Start-ups rennen oft ums Geld, wichtiger wäre zuerst ein Profil. Dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Investor aufspringt, höher.

Wenn man wie Sie viel mit dem Thema Geld beschäftigt ist – was macht man mit dem eigenen?

Ich bin bäuerlicher Herkunft und daher sehr vorsichtig. Ich investiere gestreut, in Immobilien und in Start-ups. Ich habe auch ein kleineres Aktienportfolio.

Wofür geben Sie Geld aus?

Ich spare nie bei der Ausbildung. Das wird hierzulande leider oft nicht so gesehen. In Harvard kostet ein Kurs 8000 Dollar, davon bekommt man einen Teil über die Steuer zurück. Das ist nicht mehr die Welt. Das zweite sind Bücher, da gehen wir schon in der Wohnung über. Das dritte ist Kunst. Wenn mir junge Künstler gut gefallen, kann ich auch irrational handeln. Mit Kunst wird man aus den normalen Bahnen hinausgeführt, sie bietet die Möglichkeit, neue Wege des Denken zu finden und neue Anstöße zu bekommen. [ Michele Pauty ]

ZUR PERSON

Werner Wutscher startete seine Karriere 1994 im Ministerbüro von Franz Fischler, wechselte dann zu Wilhelm Molterer und war dann sieben Jahre Generalsekretär im Landwirtschaftsministerium. 2007 wechselte er als Vorstand in den Rewe-Konzern, bei dem er unter anderem für Finanzen, Strategie und Personal zuständig war. Der gebürtige Kärntner machte sich 2013 mit der Firma New Venture Scouting selbstständig.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.11.2015)