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Nach Zielpunkt-Pleite: Arbeitsplätze wichtiger als Marktmacht

GPA-CHEF WOLFGANG KATZIAN
GPA-CHEF WOLFGANG KATZIAN(c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)
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Den Einzelhändlern stehen große Veränderungen ins Haus. Die Arbeitsplätze im stationären Handel werden unsicherer, die Sozialpartner wollen mit einem neuen Kollektivvertrag gegensteuern, sagte GPA-Chef Katzian.

Enttäuscht hat sich Wolfgang Katzian, Vorsitzender der Privatangestelltengewerkschaft, von der Zielpunkt-Mutter Pfeiffer gezeigt. Diese wird definitiv heute am Montag für ihre Tochter Insolvenz anmelden. „Für mich steckt da ein Masterplan dahinter“, hält Katzian Sonntagabend in der ORF-Sendung „Im Zentrum“ an seiner Theorie fest. Sollte es diesen Plan tatsächlich geben und Pfeiffer in der Folge „etwa 3000 Zielpunkt-Mitarbeiter über die Klinge springen lassen“, werde die Gewerkschaft das nicht zulassen. Konzernchef Georg Pfeiffer rechtfertigte seinen Gang zum Insolvenzrichter damit, dass die Fortführungsprognose im November negativ ausgefallen sei. „Das ist in aller Brutalität die Wahrheit“, sagte Pfeiffer, der zugab, mit seinem „Herzensprojekt“ Zielpunkt gescheitert zu sein.

"Schlingerkurs" bei Zielpunkt

Uneinigkeit gab es naturgemäß bei der Schuld für die Pleite. Während für Zielpunkt-Betriebsrätin Snjezana Brajinovic die ständigen Strategiewechsel der Holdinggeschäftsführung für den Untergang ausschlaggebend waren, machte Pfeiffer den massiven Einbruch der Umsätze seit Anfang Oktober als Hauptursache aus. Peter Schnedlitz, Handelsexperte von der WU Wien, sagte, Zielpunkt habe seit 30 Jahren einen "Schlingerkurs" gefahren und seit dem Verkauf an Pfeiffer sei kein Licht am Ende des Tunnels zu sehen gewesen, weil es kein klares, kommunizierbares Konzept gegeben habe. Motivforscherin Helene Karmasin begründete das Hauptproblem für Zielpunkt, dass die Marke überhaupt kein Image gehabt habe. Die Kunden seien beim Einkaufen auf der Suche nach einer Idee und eine solche hatte die Marke Zielpunkt nicht vermittelt.

Dass er von der Zielpunkt-Insolvenz profitieren wolle, etwa durch die Übernahme attraktiver Standorte, wies Unternehmenschef Pfeiffer deutlich von sich. Der Kauf sei vielmehr Teil der gescheiterten Sanierungsstrategie gewesen. Die Pfeiffer Handels GmbH habe schon im Mai den Kauf der Immobilien, in denen Zielpunkt eingemietet ist, von der Gruppe Tengelmann eingefädelt. Damit habe man die Mieten für Zielpunkt senken wollen. Die 68 im Paket enthaltenen Immobilien seien von unterdurchschnittlicher Qualität, bei 30 werde man keinen oder nur schwer Nachmieter finden, sagte Pfeiffer. Die wenigen guten Standorte seien in Wien und eine Expansion dorthin sei "für Unimarkt (Anm.: Regionale Lebensmittelkette von Pfeiffer) definitiv auszuschließen". "Pfeiffer als nationaler Anbieter im Lebensmitteleinzelhandel ist Geschichte", sagte Pfeiffer.

Hohe Aktionsanteile in Österreich

Mit dem Verschwinden von Zielpunkt wird wieder einmal die Befürchtung von steigenden Lebensmittelpreisen in aufgrund wachsender Marktmacht der Großen Drei (Rewe-Gruppe, Spar und Hofer) geäußert. Österreich weist derzeit nach Dänemark die zweithöchsten Preise bei Lebensmittel innerhalb der EU auf. Was Peter Schnedlitz jedoch stark relativiert. In dieser Statistik seien die hohen Aktions- und Rabattanteile in Österreich – 30 Prozent aller Produkte werden in den Supermärkten zu Aktionspreisen gekauft –  nicht berücksichtigt. Die Aktionen und Rabatte eingerechnet käme man in etwa auf das Niveau des Nachbarn Deutschland, der gerne - von der Arbeiterkammer - als Vergleich herangezogen werde.

GPA-Chef Katzian, der an dieser Berechnung nichts auszusetzen hatte, zeigte sich vielmehr froh, dass es in Österreichs Lebensmittelhandel viel Beschäftigung mit vollwertigen Arbeitsverhältnissen gebe und nicht Leiharbeit und prekäre Verhältnisse wie in Deutschland. Man könnte sicher ein paar Prozentpunkte des Preises herunterbringen, wenn man prekäre Verhältnisse hätte, so Katzian. Für ihn ist es auch wichtiger, Arbeitsplätze zu erhalten, als eine weitere Konzentration im Wiener Einzelhandel zu verhindern. Wenn die zwei großen (Spar und Billa, Anm.) künftig 67 statt 66 Prozent Marktanteil hätten, dann "ist mir das wurscht, wenn 1000 Leute Arbeit kriegen".

Österreich als "Entwicklungsland"

Unabhängig von der Konzentration im Lebensmittelhandel kommt auf den heimischen Handel eine ganz intensive Phase des Umbruchs zu. Heinz Kammerer, Gründer der Handeskette Wein & Co, attestiert dem Onlinehandel in Österreich den Status „Entwicklungsland“. Aber Online sieht er nur als Teil der Zukunft. Er zeigt sich überzeugt, dass der hybriden Geschäftsform die Zukunft gehören werde. Unternehmen, die sich nur auf einen Verkaufskanal stützen, werden Probleme kriegen. Mit Click & Collect beispielsweise bestellt der Kunde online und holt das Produkt im Geschäft ab. Für Kammerer „das Allerschönste“, weil dann die Chance bestehe, die Kunden vor Ort noch zu beraten und zu bedienen. „Der Kunde geht nicht mehr dorthin, wo wir wollen und wann wir wollen, sondern er möchte dort einkaufen, wo er gerade ist“, sagte Kammerer. Es müsse zu jeder Zeit möglich sein, einen Einkauf zu tätigen.

Motivforscherin Helene Karmasin führt den Rückstand im internationalen Digitalvergleich auch darauf zurück, dass es die heimischen Anbieter im Internet noch nicht verstanden haben, „die Angebote verführerisch darzubieten“. Die „wunderbare“ Inszenierung im Internet sei hierzulande noch nicht erfolgt, deshalb gehen die Leute heute noch gerne stationär einkaufen. Die reale Handelswelt könne „derzeit die Verführung besser“. Und als nächsten großen Trend sieht Karmasin das Einkaufen mit dem Smartphone. „Für manche Leute steckt ihre Welt in ihrem kleinen Handy“.

Neuer Kollektivvertrag für Handel

Er fürchte sich vor dem Online-Handel nicht, sagte Wolfgang Katzian. Dieser habe einen bestimmten Stellenwert, der sicher wachsen werde. Mehr Sorgen bereiten den heimischen Gewerkschaftern die künftigen Arbeitsplätze der Handelsangestellten. Innovationen wie Scannertunnels für Kunden und bargeldloses Bezahlen im Geschäft sorgen für viel Kopfzerbrechen. Etwa 200.000 der über 500.000 Handelsangestellten haben einen Job als Kassiererin. Deshalb seien die Sozialpartner schon seit einiger Zeit dabei, dem großen Veränderungsprozess gerecht zu werden und mit einem neuen Handels-Kollektivvertrag die Rahmenbedingungen neu zu gestalten. Damit möchte man die bevorstehenden Neuerungen nicht verhindern, wer aber glaube, dass man es „dem Markt“ überlassen kann, der es schon „irgendwie richten werde, der lebe am Mond“, so Katzian.

Helene Karmasin ortet im österreichischen Handel gar ein Phänomen des Kapitalismus. Dieser sei ja angetreten, dass im Wettbewerb bekanntlich der Stärkste siege. Und hier sieht man, dass der Kapitalismus eigentlich fast zur Ausschaltung von Wettbewerb führe. Im Kampf Starke gegen Schwache bleiben nur mehr Starke über. Das sei für sie „Hyper-Wettbewerb“. Das führe Österreich im Lebensmittelhandel deutlicher vor als jedes andere Land.

>> ORF-Sendung "Im Zentrum"

 

 

(red./herbas/APA)