Titelverteidiger Tiger Woods geht als Favorit in die US Open im Bethpage State Park auf Long Island. Die sentimentalen Superstars dieses Major-Turniers in New York aber sind Rocco Mediate und Phil Mickelson.
NEW York. Wenn er antritt, zählt er regelmäßig zu den Favoriten, wenn er ein Turnier beendet, steht er regelmäßig als Sieger da: Tiger Woods. Seine Rolle für die am Donnerstag beginnenden US Open im Bethpage State Park auf Long Island/New York ist klar definiert: Er ist der Vorjahressieger, er könnte der erste Spieler seit 20 Jahren sein, der seinen Titel bei diesem Major-Turnier verteidigt. Er ist der Superstar.
Die Superstars der Herzen aber sind an diesem Wochenende andere. Rocco Mediate etwa. Im Vorjahr hätte der damals 45-Jährige bei den US Open in Torrey Pines beinahe die Sensation des Golfjahres geschafft: Am Ende der vier Runden lag Mediate, der sich erst in der Qualifikation einen Startplatz erspielt hatte, mit Tiger Woods gleichauf an der Spitze des Leaderboards – einen Schlag unter Par. Am Gleichstand änderte sich auch nach 18 Play-off-Löchern am Montag nichts. Erst am Ende der ersten Spielbahn im Sudden Death – in Summe das 91. Loch – fiel die Entscheidung zugunsten Woods'. Und das, obwohl er gleich zweifach gehandicapt war: Erstens weil Mediate, wenn er nicht gerade selbst schlägt, wie ein Wasserfall sprudelt; und zweitens, weil er an einem Ermüdungsbruch im Unterschenkel und argen Knieproblemen litt, die er operieren lassen musste.
„Sie buhen, und sie jubeln“
Mediate, ein US-Amerikaner aus Pennsylvania mit italienischen Wurzeln, verdaute die Niederlage, relativ gut. Noch immer höre er die Frage, wann er Tiger Woods wieder schlage. „Es ist lustig, wie die Leute das damals erlebt haben. Ich habe Tiger nicht besiegt, sondern er mich. Er hat den Pokal, ich eine Medaille“, erzählt Mediate. „Es ist unglaublich, wie die Menschen mitgefiebert haben.“
Auch heuer ist Mediate, der in seiner 24-jährigen Profikarriere bislang fünf Turniere auf der US-PGA-Tour gewonnen hat, bei den US Open dabei. Er liebe die New Yorker Fans, sagt er: „Sie sind verrückt. Sie buhen bei einem schlechten und jubeln bei einem guten Schlag.“ Das liege seinem Naturell: „Wenn es kein Publikum gibt, fühlt es sich wie Training an – und ich hasse Training.“
Ein anderer, den das New Yorker Publikum ganz besonders ins Herz geschlossen hat, ist Phil Mickelson. Der dreifache Major-Sieger hatte sich Anfang Mai aus dem Sport zurückgezogen, nachdem bei seiner Frau Amy Brustkrebs diagnostiziert worden war: „Ich war noch nie so emotional. Es kommt vor, dass ich allein im Auto bin, irgendwo hinfahre und einfach zu weinen anfange“, gestand Mickelson. In der Szene fühlte man sich schmerzlich an das Schicksal von Darren Clarke erinnert: 2006 war seine Frau Heather an Brustkrebs verstorben.
Nachdem erste Tests bei Amy Mickelson ermutigende Ergebnisse geliefert hatten, und ein Operationstermin für Anfang Juli fixiert wurde, kehrte Mickelson auf den Golfplatz zurück. Bei seinem ersten Antreten nach der Pause wurde er zwar nur 59. Die Sympathien der Fans aber rührten ihn zu Tränen. „Wir beten für dich und deine Frau“, stand auf Transparenten. Ähnliche Bezeugungen erwarten ihn auch in New York.
Für die US Open hat Mickelson aber auch sportlich viel vor: „Ich werde nicht nur einfach mitspielen. Ich spiele, weil ich glaube, dass ich gewinnen kann. Der Platz liegt mir. Ich liebe es, in New York zu spielen.“ Im Jahr 2002 hatte der damals 32-Jährige schon einmal die Chance gehabt, die US Open ein erstes Mal zu gewinnen. Wie heuer war Bethpage der Austragungsort gewesen. Mickelson hatte sich jedoch hinter Tiger Woods mit Rang zwei begnügen müssen.
Woods schlecht für den Golfsport
Auf diesem schwierigen und langen Par-70-Kurs möchte Tiger Woods, der aktuell bei 14 Major-Siegen hält, dem Rekord von Jack Nicklaus – er hält bei 18 Major-Triumphen – wieder ein Stück näher rücken. „Es fehlen mir fünf Titel, um Nicklaus zu überholen, vier um ihn einzustellen. Das ist eine Menge. Die meisten Spieler meiner Generation haben nicht mehr als drei gewonnen“, sagte der 33-Jährige. Die Fans lieben seinen Inpetus, manche Medien aber sehen seinen Ausnahmestatus kritischer: Die englische Tageszeitung „Telegraph“ titelte: „Ein Sieg Tiger Woods' bei den US Open wäre schlecht für den Golfsport.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.06.2009)