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Kunstpreis der Stadt Wien: „Ich habe mein Leben verschenkt“

Lieselott Beschorner auf dem Gipfel ihrer magischen Welt, in ihrem Gersthofer Dachkammer-Atelier – allerdings ohne eigens entworfene „Showbrille“, die hat sie in der Eile aufzusetzen vergessen.(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Lieselott Beschorner bekam am Montag den Kunstpreis der Stadt Wien. Mit 88, was sie amüsant findet. Ihr teils visionäres Gesamtwerk ist eines der erstaunlichsten Österreichs.

Im Wappensaal des Wiener Rathauses wurden gerade die Preise der Stadt vergeben. Eine der Kunstpreisträgerinnen, Lieselott Beschorner, aber sitzt in ihrem Atelier in einer wundersamen Dachkammer in Gersthof und wundert sich – „kurz vorm Sterben noch erreicht mich dieser Preis, das finde ich ja originell“. Mit ihren 88,5 Jahren wirkt sie noch total fit, aber Schmerzen halten sie davon ab, zur Ehrung zu gehen, sie kommt wenige Stunden später zu ihr. Ein guter Moment, um zu erzählen. Von einem einsamen, nicht glücklichen Leben, sagt sie. Am Ende aber einem wohl geglückten Leben, denkt man still. Das Biedermeier-Haus zeugt von einem grandiosen Gesamtkunstwerk.

Als Jugendliche ist Beschorner hier eingezogen, seither hat sie es gestaltet, es in ihr magisches Reich verwandelt voll großer, fratzenhafter Keramikköpfe, gehäkelter „Puppas“, monochromer Reliefbilder aus übermalten Stoffen, Figürchen aus alten Knöpfen und Pop-Art-igen Collagen aus ausgeschnittenen Augen. Überall Augen. Schon als Junge, sagt Beschorner, müsse sie geahnt haben, dass sie damit Probleme kriegen würde. Heute sieht sie nur noch wenig, jeden Tag wird ihr vorgelesen, das Haus verlässt sie kaum mehr. Seit sie 24 ist, erzählt sie, leide sie an den Folgen einer Borreliose.

Damals, in der Nachkriegszeit, hat die Wienerin unter heute unvorstellbaren Bedingungen an der Akademie der bildenden Künste studiert, war als eine der ersten Frauen in die Secession aufgenommen worden. Bald aber habe sie gemerkt, dass das Leben als Freischaffende nichts für sie sei, trotz Einzelausstellungen und Beteiligung an internationalen Wanderausstellungen. Es sei nicht ihrer Natur gemäß gewesen, sich selbst zu managen, sagt sie. „Das Hasten nach irgendwelchen Vorteilen, was nötig ist, um als Freier weiterzukommen, war mir zuwider. Es war mir wertvoller zu machen, was ich will. Aber das bezahlt man natürlich, das bezahlt man.“

 

„Alles war wie versperrt“

Beschorner verschwand als Künstlerin aus der Öffentlichkeit, sie unterrichtete als Zeichenlehrerin an der Berufsschule für Friseure. In ihrer Freizeit ging sie wandern und arbeitete in dem Haus, in dem sie mit ihrer Mutter wohnte. Es habe viele Jahre gegeben, erzählt sie, „da war alles wie versperrt, da bin ich mir vorgekommen wie in einem Raum ohne Türen und Fenster, aus dem ich weder hinaus konnte, noch etwas hereinkam“. Das in dieser Isolation entstandene Werk ist eines der erstaunlichsten in Österreich, es wirkt wie eine Gruppenschau von Stars der heutigen Kunstszene, von Louise Bourgeois (Totem-artige, gehäkelte „Puppas“), Sarah Lucas (Torsi aus ausgestopften Nylonstrümpfen), Ernesto Neto (mit Gewürzen gefüllte Hängeobjekte) etc. Nur war Beschorner früher dran – oder zumindest parallel.

Eine Parallelwelt. Gestopft in eine Behausung, alles war voll damit, über, unter den Kästen, hinter den Vorhängen, alle Wände. Vor fünf Jahren aber schenkte Beschorner alles her – dem Musa (Sammlung der Kunstabteilung der Stadt Wien), dem NÖ Landesmuseum, dem Belvedere, dem Wien-Museum. „Eigentlich habe ich mein ganzes Leben verschenkt“, sagt sie. Um gleichzeitig zu fragen: „Aber ist es nicht gut, etwas zu schenken? Es ist viel besser!“ Besser, als vermarktet zu werden, in alle Winde verstreut zu sein. Sie wollte nie etwas hergeben, hat nur gezielt an öffentliche Stellen verkauft, um „den Namen zu verankern“.

Sie sei ja unabhängig gewesen wegen ihres „Brotberufs“. Als sie 80 wurde, kam dann die für Künstlerinnen so typische späte „Entdeckung“ und in ihrem Zuge Berthold Ecker, Leiter der Kunstabteilung, der ihr 2011 eine Retrospektive im Musa ausrichtete. Statt eines Bildbands, den sich Beschorner eigentlich gewünscht hatte, bot er ihr tatsächlich ein Grab an, erinnert sie sich und lächelt. „Andere hätte das schockiert, ich fand es originell.“ Ihr schwarzer Humor sei ihre helle Seite, sagt sie. Ihre dunkle seien die „magischen Objekte“, die sie schaffe. Wie Geschenke käme die Kunst zu ihr, die Inspiration zu völlig unterschiedlichen Phasen. Denn zu lange habe sie nie an etwas gearbeitet, sie wollte sich nicht wiederholen. Manchmal musste sie jahrelang auf eine neue Phase warten, sie konnte es sich leisten, ohne Druck von außen.

Ihr letztes Werk sei jetzt ihr Grab, auf dem sie die Flusssteine, die sie so liebt und in ihrem Garten sammelt, geschichtet haben möchte, in der Mitte „wie ein Krapfen“. „Das braucht dann niemand gießen“, sagt sie zufrieden, „Ecker war ganz begeistert von dem Entwurf“. Aber wieder im Ernst: „Es haben andere wohl ein lustigeres Leben gehabt als ich, aber so ist es halt. Meine ganze Freude war die Kunst. Wenn man die Möglichkeit hat, gestalten zu können, hat man eh schon ein großes Glück.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.12.2015)