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Welt-Aids-Tag: Die Pille gegen HIV

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Das Medikament wird gegen HIV eingesetztAPA/AFP/DENIS CHARLET
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In San Francisco wird das Medikament Truvada großflächig als Prophylaxe gegen HIV eingesetzt. Frankreich ist das erste europäische Land, wo es nun die blauen Pillen auf Kasse geben wird.

Christopher sah schon viele seiner Freunde an Aids sterben. „Ich war sicher, dass mir das auch passieren wird“, sagt der in San Francisco lebende Computertechniker zur "Presse". „Ich hatte Albträume davon. In San Francisco ist mittlerweile jeder vierte schwule Mann infiziert“. Auch sein Freund Rob ist davon betroffen. „Oft musste ich beim Sex an den Tod denken, Liebe sollte anders aussehen.“

Christopher kann seit einigen Monaten aber ruhig schlafen – er ist gegen HIV so gut wie immun. Grund dafür ist das Medikament Truvada, das  hierzulande ein Teil der Kombinationstherapie für Infizierte ist. In den USA ist es seit 2012 für die Präexpositionsprophylaxe (PreP) für HIV-Negative zugelassen. Die kleine blaue Pille fungiert als eine Art Schutzschild.

Prophylaxe gegen HIV auf Kasse

In San Francisco, das als Stadt der freien Liebe gilt und darum mit besonders vielen Neuinfektionen kämpft, wurde das Medikament erstmals großflächig zu diesem Zweck eingesetzt. Dort bezahlt sogar die Krankenkasse das Medikament für Hochrisikopatienten: Dazu gehören homosexuelle und heterosexuelle Paare, in denen ein Partner bereits infiziert, aber noch nicht therapiert ist. Die World Health Organisation (WHO) empfiehlt die Einnahme all jenen Menschen, die ein substanzielles Risiko haben, sich zu infizieren.

Dr. Gerold Felician Langprivat

In Österreich ist das Medikament zwar erhältlich, kostet aber 960 Euro im Monat. „De facto ist es nicht leistbar“, sagt Dr. Gerold Felician Lang von der Meduni Wien, Abteilung für Immundermatologie und Infektiöse Hautkrankheiten. Strategisch sei es aber unklug, dass es Truvada nicht für Prophylaxe auf Krankenschein gibt: „Behandlung ist immer teurer als Prophylaxe.“ Vor allem, weil Truvada bei korrekter Einnahme auch wirklich sicher ist: Eine aktuelle Studie des 'Kaiser Permanente San Francisco Medical Center' zeigte bei 100 Prozent der Teilnehmer keine einzige Neuansteckung über einen Zeitraum von knapp drei Jahren.“

Medikament kommt nach Europa

Frankreich ist nun das erste europäische Land, in dem Truvada ab 2016 nun auf Krankenschein ausgegeben werden soll – auch in Deutschland bahnt sich eine Diskussion darüber an. In Österreich ist das noch kein Thema – die Zahl der Neuinfektionen sind zwar stabil, allerdings findet sich ein markanter Anstieg in der Gruppe der Schwulen. In den ersten drei Quartalen 2015 gab es 342 bestätigte Befunde.

Im Schnitt gibt es in Österreich mehr als eine HIV-Neudiagnose pro Tag. Europaweit sieht die Situation schon wieder anders aus – vor allem in den östlichen Ländern steigen die Zahlen rasant, warnte die WHO vor Kurzem. Dort habe sich die Zahl der Neuinfektionen in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt. In der Europa-Region mit Russland und Zentralasien sind im vergangenen Jahr rund 142.000 Neudiagnosen gestellt worden, so viele wie noch nie.

Geschlechtskrankheiten nehmen zu

Lang beobachtet diese Entwicklung mit großer Sorge und hofft, dass Truvada als Prophylaxe bald in möglichst vielen Ländern eingesetzt wird. Nächstes Jahr soll das Patent auf das Medikament auslaufen, somit sollte es billiger werden. Von günstigen Kopien, die sich manche im Internet bestellen, rät er ab. „Auch wenn die Präparate teilweise nicht so schlecht sind, die Einnahme braucht eine regelmäßige ärztliche Begleitung: einerseits greift man mit einem Medikament in einen gesunden Körper ein, das muss man mit Vorsicht tun. Zweitens, falls es doch zu einer Neuinfektion kommt, kann man diese möglichst schnell erkennen – und drittens bringt die vorgesehene dreimonatige Kontrolle sämtlicher Geschlechtskrankheiten den Vorteil mit sich, dass diese früh diagnostiziert und behandelt werden, wodurch die Infektionskette frühzeitig unterbrochen wird.“ Eine ist, dass Studien zu Truvada auch zeigen, dass andere Geschlechtskrankheiten wie Syphilis wieder zunehmen. „Der Effekt mit Truvada ist ähnlich wie bei der Pille. Es wird auf das Kondom verzichtet, das ist natürlich auch nicht gut“, sagt Lang.

Ansonsten hat Truvada relativ wenig Nebenwirkungen. Anfänglich könne es zu Kopfweh, Bauchweh oder Übelkeit kommen, das lege sich aber normalerweise in ein paar Tagen.

Auch Christopher berichtet von hin und wieder eintretender Übelkeit. „Aber das ist nichts gegen die Magenschmerzen, die ich vorher hatte vor lauter Angst“, sagt er. „Das nehm ich gern in Kauf, wenn ich dafür wieder die Schmetterlinge im Bauch genießen kann.“