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AKH: Leiharbeiterfirma vor der Pleite

Archivbild aus dem Wiener AKH
Archivbild aus dem Wiener AKH(c) Deak Marcus E. / Verlagsgruppe News / picturedesk.com (Deak Marcus E.)
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Der Akademische Gästedienst in Österreich vermittelt Personal für die Stadt Wien, bekannt wurde er wegen eines Korruptionsprozesses. Mindestens 260 Arbeitsplätze sind bedroht.

Wien. Nach Zielpunkt und Schirnhofer kündigt nun ein weiteres großes Unternehmen seine Insolvenz kurz vor Weihnachten an. Die Leiharbeiterfirma Akademischer Gästedienst in Österreich GmbH (AGO) kündigte ihren Mitarbeitern am Dienstag in einem Brief an, die Novembergehälter und auch anstehende Sonderzahlungen nicht mehr leisten zu können. „In weiterer Folge wird aus jetziger Sicht ein Insolvenzverfahren wohl unausweichlich sein. Dieser Schritt fällt uns nicht leicht, jedoch führt daran kein Weg vorbei“, heißt es in dem der „Presse“ vorliegenden Schreiben. „Wir sind von einer erfolgreichen Weiterführung der AGO überzeugt“, heißt es weiter. Das soll ein Sanierungsplan leisten – für Anfragen war die Geschäftsführung für die „Presse“ nicht erreichbar.

Die Gewerkschaft Pro-Ge (Produktionsgewerkschaft) wurde von der für nächste Woche geplanten Insolvenzanmeldung in Kenntnis gesetzt – es geht laut Gewerkschaft um rund 260 Arbeitsplätze, die meisten Mitarbeiter sind in der IT-Abteilung des Krankenanstaltenverbundes (KAV) beschäftigt. Der KAV selbst will sich jetzt um eine Lösung bemühen. Bereits vergangenes Jahr um diese Zeit war die Gewerkschaft mit AGO beschäftigt, als das Unternehmen plötzlich keine Arbeit für mehr als 800 Mitarbeiter hatte.

Grund dafür war, dass das AKH den Vertrag mit AGO nicht verlängerte. Von 2004 bis 2015 waren für den KAV rund 1050 Personen vor allem im Putzdienst, als Stationshelfer und im IT-Bereich tätig. Eine Auslagerung dieser Tätigkeiten ist für die Stadt viel billiger, als selbst Mitarbeiter zu beschäftigen – die Stadt steht für dieses Vorgehen immer wieder in der Kritik.

Korruptionsverdacht

Durch das Engagement von AGO beim AKH erlangte das Unternehmen mediale Berühmtheit und beschäftigte die Gerichte für viele Jahre. Drei ehemals ranghohe Beamte der Gemeinde waren angeklagt, AGO zwei Mal hintereinander millionenschwere Aufträge zugeschanzt zu haben.

2004 erhielt AGO den Zuschlag, obwohl das Offert um 2,46 Millionen Euro über jenem des Billigstbieters lag – 2010 kam AGO erneut zum Zug, ein Mitbewerber klagte. Vor Gericht sprachen Zeugen von Absprachen bei Champagnerpartys und Pokerabenden. Schlussendlich konnten die Gerichte AGO nicht genug nachweisen, im März dieses Jahres wurden die Angeklagten freigesprochen. Aber dennoch entschied sich das AKH bei der erneuten Vergabe des millionenschweren Putzdienstes für ein anderes Unternehmen – knapp 800 Mitarbeiter standen auf der Straße.

„Wir haben damals versucht, diese in andere Zeitarbeitsfirmen zu vermitteln, was ganz gut gelungen ist“, sagt Thomas Grammelhofer von der Pro-Ge. „Eigentlich dachten wir damals, das war's mit der AGO.“ Neben dem verlorenen Auftrag und damit Ausfall von Einnahmen kommt für die AGO dazu, dass sie aufgrund eines ganz aktuellen OGH-Urteils hohe Kosten zu erwarten hat. Dieses Urteil besagt, dass auch Leiharbeitern Zulagen laut Nebengebührenkatalog der Stadt Wien wie etwa Feiertagszulage, Nachtarbeitszulage oder Schmutzzulage zustehen. Weil AGO diese Gelder über Jahre nicht ausbezahlt hat, stehen wohl Nachforderungen von Mitarbeitern ins Haus – wer diese bezahlt und ob der Insolvenzfonds diese Kosten abdecken soll, wird wohl erst der Masseverwalter entscheiden. Dieses Urteil könnte außer für die AGO auch für andere Leiharbeitsfirmen, die für die Stadt Wien tätig sind, wie auch für die Stadt selbst hohe Nachzahlungen bedeuten.

Firmengeflecht

AGO selbst spricht schon in der Jahresbilanz 2014 davon, dass dies das schwierigste Jahr seit zehn Jahren war. Laut Bilanz beschäftigte AGO 2014 noch 1040 Mitarbeiter – es wurden knapp 27 Millionen Euro für Personalaufwand verbucht. Schon vergangenes Jahr bilanzierte das Unternehmen mit knapp 400.000 Euro negativ.

Als externer Risikofaktor wird die in Aufbau befindliche Schwestergesellschaft Medical Implant Competence GmbH (MiC) genannt, der von der AGO zwei Millionen Euro an Krediten gewährt worden sein sollen. Unklar ist, wie es mit MiC nach einer Insolvenz von AGO sowie der darüber stehenden SLG-Gruppe, zu der auch die Personalvermittlungsfirma Ecostaff gehört, weitergehen soll.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.12.2015)