In den USA ärgert man sich gerade über einen Blog-Eintrag, der die Geschichte der Freiheitsstatue politisch zu instrumentalisieren versucht.
Die Freiheitsstatue ist Muslimin“, derart populistische Titel kann sich ein staatliches Museum auch nur in den USA leisten. So geschehen gerade eben, noch dazu rund um Thanksgiving. Der Nationalfeiertag rührte eine Bloggerin des renommierten Smithsonian Institute, des größten Museumskomplexes der Welt, angesichts der Ablehnung ihrer Landsleute, syrischer Flüchtlinge, zu einer Attacke der politischen Korrektheit: Sie grub einfach die historisch nicht unbedingt Breaking-News-würdige Geschichte der Entstehung der Freiheitsstatue aus. Der Libertas-Leuchtturm war nämlich schon der zweite Versuch des französischen Bildhauers Frédéric Auguste Bartholdi, sein von ihm selbst gelobtes Genie in der Kolossalkunst der alten Ägypter zu üben, die er so verehrte. 1867 schon hatte er dem ägyptischen Machthaber Khedewi Ismail Pasha eine leuchtende Kolossfrau vorgeschlagen, die am Eingang des Suez-Kanals hätte stehen sollen.
„Ägypten trägt das Licht nach Asien“ sollte sie heißen, sie wäre als Verkörperung von Ismails Bemühungen der Europäisierung gedacht gewesen. Es gibt mehrere Entwürfe und Modelle dieses Projekts, man sieht darauf eine Frau in eng anliegendem Kleid, dafür mit Kopfschleier. Als Modell dafür soll Bartholdi eine Fellachin, also eine ägyptische Ackerbäuerin, gedient haben, die großteils muslimisch sind (bis auf eine koptische Minderheit).
Das Projekt zerschlug sich, Bartholdi reiste mit seiner Idée fixe einer Kolossa in die USA. Den Rest kennen wir, 1875 begann Bartholdy mit der Arbeit. Jetzt kann man ihm viel vorwerfen, vor allem, dass er weder ein besonders origineller noch fortschrittlicher Künstler war. Er variierte das Grundmodell einer Lichtträgerin einfach nach kulturellem Bedarf, für die USA wurde sie eben zur römischen Göttin Libertas, eindeutig nicht muslimisch, das Gewand ganz klassizistischer Faltenwurf und statt Schleier Strahlenkranz. Nicht einmal den Titel variierte er stark, „Liberty, Enlightening the World“. Deswegen ist Lady Liberty trotzdem keine Muslimin (die rechten US-TV-Kommentatoren können sich wieder beruhigen). Sondern nur Bartholdy ein schlauer Geschäftsmann.
Seine europäische Lichtträgerin hätte wohl Sternenkranz getragen und wäre wahrscheinlich nackt gewesen, ganz wie Zeus sie raubte. Wäre ich eine politisch übermotivierte und wissenschaftlich fragwürdige Bloggerin einer europäischen Forschungsinstitution, würde ich hier jetzt posten: „Europa war Syrerin!“ Ihr armer Vater war nämlich der phönizische König Agenor, dessen Reich heute zum Teil in Syrien liegen würde.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.12.2015)