Großbritannien: Blairs Aussicht auf EU-Posten

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Britische Konservative signalisieren „keinen Widerstand“. Blair selbst hat öffentlich nicht zu einer möglichen Bewerbung Stellung genommen. Aus seinem Umfeld heißt es, er wäre an dem Posten des EU-Präsidenten durchaus interessiert.

London. Nur zwei Jahre Amtszeit von Gordon Brown haben gereicht, um das Wirken des früheren britischen Premiers Tony Blair in einem milderen Licht erscheinen zu lassen. Während Brown die Labour Party in eine historische Niederlage bei den jüngsten Europawahlen mit nur 15,7 Prozent der Stimmen geführt hat, scheinen Blairs Chancen zu steigen, noch vor Jahresende zum ersten EU-Präsidenten ernannt zu werden. Der Chef der britischen Tories, David Cameron, hat nach einem Bericht der „Times“ seine Parteiführung angewiesen, „keinen Widerstand“ gegen eine Nominierung Blairs zu leisten.

Da die Tories aller Voraussicht nach die nächste britische Parlamentswahl gewinnen werden, bedeutet dies eine wesentliche Stärkung für Blair. Mit dem Okay signalisiert Cameron auch einen pragmatischeren Umgang mit der EU. Sein Wirtschaftssprecher Ken Clarke empörte rabiate EU-Gegner erst unlängst mit dem Eingeständnis, dass eine konservative Regierung „überhaupt nichts“ gegen den Lissaboner Vertrag machen würde, sollte er bis Jahresende in Kraft treten. Offiziell sind die Tories gegen das Reformwerk.

Blair selbst hat öffentlich nicht zu einer möglichen Bewerbung Stellung genommen. Aus seinem Umfeld heißt es freilich, er wäre an dem Posten des EU-Präsidenten durchaus interessiert. Derzeit verbringt der Expremier seine Zeit mit (eher fruchtlosen) Vermittlungsversuchen in Nahost und (überaus einträglichen) Vortragsreisen.

Ohne Zweifel aber wäre Blair das von der Europäischen Union gesuchte politische Schwergewicht, das mit US-Präsident Barack Obama und dem russischen Ministerpräsidenten Wladimir Putin auf Augenhöhe verkehren könnte. Seine frühere Nähe zu Obamas Vorgänger George W. Bush wird der wendige Blair wohl problemlos abschütteln.

Blairs Chancen steigen auch, weil die bisherigen Favoriten Jean-Claude Juncker und Anders Fogh Rasmussen aus dem Rennen sein dürften. Dänemarks Expremier Rasmussen hat gerade den Job als Nato-Generalsekretär angetreten, und der Luxemburger Premier Juncker soll bei Frankreichs Präsidenten Sarkozy „in Ungnade gefallen“ sein.