Ein Museum auf dem Sprung

ANTRITTS-PK DES LEOPOLD MUSEUM-DIREKTORIUMS: WIPPLINGER/LEOPOLD
ANTRITTS-PK DES LEOPOLD MUSEUM-DIREKTORIUMS: WIPPLINGER/LEOPOLD(c) APA/ROBERT JAEGER
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Der neue Direktor Hans-Peter Wipplinger setzt auf Allianzen, um einen „Entwicklungssprung“ für das Haus zu starten – mit der Wirtschaft, mit der Gegenwartskunst.

Als geschlossene, durchwegs dunkel gewandete Phalanx präsentierte der neue Direktor des Leopold-Museums, Hans-Peter Wipplinger, bei seiner Antrittspressekonferenz am Donnerstag sein Team, u. a. die neue kaufmännische Direktorin Gabriele Langer und die von der Kunsthalle Krems mitgenommene Kuratorin Stephanie Damianitsch – alle von der „Patriarchin“ des Hauses erste Reihe fußfrei wohlgefällig beobachtet. Das war wohl eine der ersten Pressekonferenzen seit dem Tod ihres Mannes, bei der Elisabeth Leopold nicht mit auf der Bühne stand. Zeichen für einen Neuanfang?

Trotzdem, oder vielleicht deswegen – sei sie „ganz, ganz glücklich über den Wipplinger“, versicherte sie im Anschluss an die Präsentation dem Publikum. Wipplinger wurde auch nicht müde, die Bedeutung von Sammlung und Sammler zu betonen, die man „permanent auf die Bühne stellen“ und die Ausstellungskonzepte „daraus entwickeln“ wolle. Soweit nichts Neues. Auch „der Brückenschlag in die Gegenwart“ war erwartbar, dafür steht Wipplinger schließlich, auch in der Kunsthalle Krems hat er einen populären Mix aus Moderne und Zeitgenossen gezeigt.

Das Problem wird eher das Aufstellen der finanziellen Mittel sein, bekommt das Leopold-Museum doch, da kein Bundesmuseum, den kleinsten Kuchen der Basissubvention, obwohl ein besucherstarkes, sehr aktives Haus. Wipplinger kündigte jetzt einen Fünf-Punkte-Plan an, den man mit Aktivierung von mäzenatischen Ressourcen in Wiener Bürgertum und Wirtschaft zusammenfassen könnte. An erster Stelle steht hier die Einführung eines Boards of Trustees, für dessen Vorsitz schon Post-Vorstand Georg Pölzl gewonnen werden konnte, so Wipplinger. Eine Bekanntschaft, die den Kunst-Manager schon viele Jahre begleitet, er hat Pölzl schon ein Kunst-Konzept erarbeitet, als dieser noch T-Mobile-Österreich-Chef war und Wipplinger noch die Wiener Kunst- und Kommunikationsagentur Artphalanx leitete (gemeinsam mit Heide Linzer).

Allianzen und Kollaborateure

Beziehungen und Netzwerke stehen in Wipplingers Strategie offensichtlicher als bei anderen an erster Stelle – „Allianzen bilden und Kollaborateure einbinden“ ist sein Motto, um dem Leopold-Museum zu einem „Entwicklungssprung“ zu verhelfen. Etwa mit den Wiener Festwochen oder der Viennale oder Künstlern, die als Botschafter fungieren sollen. Ob diese „Allianzen und Kooperationen“ auch Fragen der Restitution betreffen, darüber wurde bei der Pressekonferenz geschwiegen, was die Kultusgemeinde zu einer Aussendung bewog, in der sie Wipplinger einer Verzögerungs-Taktik bezichtigte.

Fakt ist, dass Restitution Sache des Vorstands der Leopold-Stiftung ist, nicht die des künstlerischen Direktors. Der Vorstand wird kommendes Jahr übrigens neu formiert, die Ministerien müssen neue Vertreter nominieren, von der Familie ist mittlerweile nur noch Elisabeth Leopold vertreten. In der anstehenden Frage der von der Michalek-Kommission 2010 empfohlenen Restitution von fünf Schiele-Blättern aus der Sammlung Mayländer wurde bisher jedenfalls „noch kein Durchbruch“ erzielt, so ein Museums-Sprecher. Es liege ein Angebot an die Erbenvertreter vor, es gebe aber keine Einigung.

Also keine Restitutionen statt Ausstellungen, wie die IKG es fordert, jedenfalls nicht mittelfristig. Sondern Ausstellungen, vor allem Ausstellungen: Wipplinger beginnt mit der Retrospektive des von Erlebnissen im Ersten Weltkrieg erschütterten deutschen Bildhauers Wilhelm Lehmbruck (ab 8. 4.), die er von der heutigen belgischen Künstlerin Berlinde De Bruyckere begleiten lässt, die ebenfalls das menschliche Leid in ihren wächsernen Torsi thematisiert. Eine unglaublich erste Retrospektive wird dem Wiener Impressionisten Theodor von Hörmann (ab 29. 4.) gewidmet, Ur-Ur-Großonkel der Kuratorin Marianne Hussl-Hörmann. Eine mehrfache Premiere ist auch die Ausstellung „Fremde Götter“ (ab 23. 9.), bei der sowohl erstmals die Stammeskunst der Leopold-Sammlung aufgearbeitet, wie auch erstmals in Österreich in Verbindung mit der europäischen Malerei der Moderne inszeniert wird. Erwin Melchardt, einst Kunstkritiker, jetzt Dorotheum-Experte, ist als Kurator ebenfalls neu. Das erste Jahr Wipplingers schließen junge Zeitgenossen ab, sechs Wiener Künstlerinnen und Künstler, die sich auf die etwas schwammig formulierten „Poetiken des Materials“ (ab 21. 10.) konzentrieren; die am wenigsten logisch wirkende Ausstellung in dem Umfeld.

Bis jetzt ist die „Patriarchin“ noch besten Mutes. Auch die „Sammlung II“, die spätere Leopold-Privatsammlung, sieht sie trotz bisher ergebnisloser Verhandlungen im Museum noch am besten aufgehoben, es gebe guten Willen auf allen Seiten, so Leopold. Sie habe aber auch andere Möglichkeiten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.12.2015)

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