„New York Times“ sucht einen neuen Herausgeber

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Die digitale Entwicklung des Blattes wird von vielen gelobt, aber auch kritisiert.

Ende August erschien im „New York Magazine“ ein langer Text über drei Anwärter auf den Herausgeber-Posten der „New York Times“. Noch sitzt der 65-jährige Arthur Ochs Sulzberger jr. fest im Sattel, aber die Nachfolger-Suche hat bereits begonnen. Mit 65 ehemaligen und aktuellen „New York Times“-Journalisten und Mitgliedern der Familie Sulzberger habe er geredet, schrieb der Autor des Textes, Gabriel Sherman. Das Erstaunliche war: Innerhalb der „New York Times“ sorgte der Text kaum für Gesprächsstoff. Chefredakteur Dean Baquet erzählte beim Interview vor einigen Wochen in seinem Büro in Midtown Manhattan, er und viele andere im Haus hätten den Text als fair empfunden.

Das mag daran liegen, dass man sich als einer der 1300 Redakteure der „New York Times“ daran gewöhnt hat, selbst hie und da Teil der Berichterstattung zu sein. Oder daran, dass die Familie Sulzberger ihre Sache im vergangenen Jahrzehnt nicht schlecht gemacht hat. Kaum jemand hat Sorge, hier würde bald jemand das Ruder übernehmen, der den (Qualitäts-)Kurs des Blattes völlig ändert. Dabei gab es immer wieder Stellenkürzungen, zuletzt hundert im Herbst 2014.

2011 führte man im dritten Anlauf online eine Bezahlschranke ein, eine Paywall. Im August waren es erstmals eine Million Menschen, die ein Digitalabonnement abgeschlossen hatten. Die globale Medienbranche reagierte ambivalent auf die Zahlen: Es gab Applaus und Kritik. Wenn nicht einmal eine Weltmarke wie die „New York Times“ digital mehr als eine Million Leser erreiche, wer dann, so der Tenor. Intern ergab ein „Innovation Report“, man reagiere oft viel zu langsam auf digitale Entwicklungen.

Pulitzer-Preisträger Baquet

Dean Baquet, Jahrgang 1956, erntet nun auch Früchte seiner Vorgänger. Der frühere Leiter des Washington-Büros und Chef der „Los Angeles Times“ übernahm im Mai 2014 als erster Afroamerikaner den Posten des Chefredakteurs von Jill Abramson, der ersten Chefredakteurin des Blattes. Er wuchs in New Orleans auf, begann früh seine journalistische Karriere und gewann 1988 für eine Korruptions-Aufdeckergeschichte in der "Chicago Tribune" den Pulitzer. Er war seit 1990 in unterschiedlichen Funktionen bei der NYT tätig, wechselte 2000 bis 2007 zur "Los Angeles Times". Vorgängerin Jill Abramson musste ihren Job nach nur drei Jahren wegen interner Differenzen mit dem Herausgeber abgeben. Wie wohl ihr der Text über die Sulzberger-Nachfolge gefallen hat? (awa)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.12.2015)

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