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Bruckners „Romantische“, wie sie gehört

Goldene Kl�nge - Der Musikverein Wien
Der Musikverein Wien(c) ORF (Ali Schafler)
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Souverän: die Symphoniker unter Sebastien Weigle im Musikverein.

Die Zeiten, in denen man Bruckner-Symphonien hierzulande zu den Grundpfeilern des Repertoires zählen durfte, sind lang vorbei. Zu solchem Selbstverständnis gehören gediegene Kapellmeister, von denen es immer weniger gibt. Die groß angelegten symphonischen Werke Bruckners werden entweder zu musikalischen Hochämtern, wenn einer der raren, wirklich prägenden Interpreten sie aufs Programm setzt. Oder sie verdorren unter den Händen ungeübter Dirigenten, die mit ihren Riesenformen nicht zurande kommen und die Orchester quasi an den Notenlinien entlang möglichst unfallfrei vom ersten Streichertremolo bis zum weit entlegenen Schlussakkord zu führen trachten.

Dieser Malaise wird man gewahr, wenn ein Dirigent vom Format Sebastien Weigles am Pult der Wiener Symphoniker erscheint und Bruckners „Romantische“ so souverän, so sicher und so unaufgeregt entstehen lässt, als wäre eine Bruckner-Aufführung das Selbstverständlichste auf der Welt. Diesen Eindruck hatte man einst, wenn Brucknerianer vom Format eines Eugen Jochum oder Lovro von Matacic ihres Amtes walteten.

So natürlich, wie sich die musikalischen Steigerungsbögen unter Weigles Führung entfalten, erlebt man diese Musik heutzutage kaum noch. Da ist nichts inszeniert, da fügen sich auch riesenhafte Formteile wie jene des langsamen Satzes kurzweilig zum stimmigen Ganzen. Und dass der Kenner immer wieder aufhorcht, liegt nicht an irgendwelchen künstlichen interpretatorischen Willkürakten, sondern daran, dass Weigle die Partitur genau liest und dynamische Nuancierungen, über die fast alle Kollegen drüberspielen lassen, penibel hervorhebt. Was oft gefordert wird: Spielt doch einfach einmal das, was in den Noten steht – hier ist es realisiert. Und die zauberhafte, von Bruckner selbst als „romantisch“ bezeichnete Stimmung entfaltet sich ganz ungehindert.

Einleitend das Schumann-Klavierkonzert mit Christopher Park am Steinway: vor allem auf die lyrischen Momente fokussiert und ungewohnt kontrapunktisch klar ausgeleuchtet. Eine Gangart, auf die sich die meisterlichen Solobläser der Symphoniker willig einließen – auch hier fungierte Weigle als bescheidener, doch völlig souveräner Sachwalter. (sin)

Heute noch einmal für die Jeunesse im Musikverein, die Bruckner-Symphonie auch morgen in St. Stephan.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.12.2015)