Jürgen Habermas, letzter Fackelträger der Aufklärung, wird am Donnerstag 80. Für Kritik im Handgemenge ist er immer gut, zuletzt im einem Interview zur Finanzkrise, die er als „Systemversagen“ analysierte.
"Weltmacht Habermas", titelte „Die Zeit“ letzte Woche, man hätte gerne eine Analyse des Gerühmten dazu gelesen. Denn dafür, für Kritik im Handgemenge, ist er immer gut, zuletzt im einem Interview (im November in der „Zeit“) zur Finanzkrise, die er als „Systemversagen“ analysierte, er meinte damit vor allem die Politik: „Jetzt mit dem Finger auf Sündenböcke zu zeigen, halte ich allerdings für Heuchelei. Auch die Spekulanten haben sich im Rahmen der Gesetze konsequent nach der gesellschaftlichen Logik der Gewinnmaximierung verhalten. Die Politik macht sich lächerlich, wenn sie moralisiert, statt sich auf das Zwangsrecht des demokratischen Gesetzgebers zu stützen. Sie und nicht der Kapitalismus ist für die Gemeinwohlorientierung zuständig.“
Klare und reflektierte Worte, über die man auch streiten kann, es wäre im Sinne von Habermas und seiner Philosophie, die unter immer neuen Namen – „herrschaftsfreier Dialog“, „Diskurs“ – ein Lied variierte, das vom gemeinsamen Räsonieren, in dem sich das Wahre und Gute nicht nur finden, sondern auch durchsetzen ließe.
Gelähmtes Denken und Handeln
Aufklärung also. Das Vertrauen in sie war in den 50er-, 60er-Jahren, als Habermas bei Adorno und Horkheimer am Institut für Sozialforschung in Frankfurt begann, gegen null gesunken: Adorno/Horkheimer hatten in der „Dialektik der Aufklärung“ (1947) argumentiert, dass in einer Welt der technischer Naturbeherrschung und kapitalistischen Produktionsweise kein Weg aus dem falschen Ganzen herausführe. Immerhin, andenken dagegen konnte man, aber diesen Ausweg schloss Adorno 1969 mit der „Negativen Dialektik“, in der die Vernunft selbst verdächtig wurde, Teil des Unheils zu sein.
Das lähmte die Philosophie, das lähmte das Handeln. Habermas zerschlug den Knoten, in „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (1962) und, vor allem, in „Erkenntnis und Interesse“, es war das Buch von 1968, Suhrkamp eröffnete seine stw-Reihe damit, und wer damals mitreden wollte, füllte die Bibliothek mit stw. Der erste Band schuf Raum: Habermas trennte die Welt in einen von der technischen Vernunft beherrschten Bereich und einen, in dem über Fragen der Moral nachgedacht und verhandelt wird, ein Reich der Freiheit, in dem man sich über das bessere Leben verständigen kann, auch wenn man mit den Füßen tief in den Zwängen von Technik und Kapital verhaftet ist.
Zwangloser Zwang des Arguments
Unterfüttert war das von einem Vertrauen in die Sprache, die aus eigener Kraft zur Emanzipation führen würde, weil in sie die Ansprüche auf Wahrheit und Wahrhaftigkeit eingebaut sind, man würde ja sonst nicht miteinander reden. Aber ihre Kraft – die des „eigentümlich zwanglosen Zwangs des besseren Arguments“, eine Standardformel Habermas' – kann sie nur entfalten, wenn sie nicht selbst von Zwängen verzerrt wird. Es ging also zunächst darum, über die Bedingungen der Möglichkeit des herrschaftsfreien Dialogs nachzudenken.
Die Studenten hatten anderes im Sinn, sie wollten nicht (nur) reden – geschweige denn über die Bedingungen der Möglichkeit des Redens –, sie wollten handeln. Sie radikalisierten sich, besetzten 1969 das Institut, Habermas nannte das „linken Faschismus“ (und zog es später zurück), dieser Dialog war misslungen. Anderen erging es besser, denen in der Gelehrtenrepublik, Habermas führte in den Siebzigerjahren mit Luhmann die Debatte darüber, ob Gesellschaften noch steuerbar sind; er eröffnete 1986 den „Revisionismusstreit“, warf manchen Historikern vor, sie wollten das Grauen der Nazis durch Vergleiche mit Stalin und Pol Pot relativieren.
Damit stieß er eine breite Debatte an, aber nebenher wuchs auch der Suhrkamp-Berg über die Bedingungen der Möglichkeit etc. in bedrohliche Höhen, immer weniger wollten folgen. So stieg zwar der Ruf des Philosophen weltweit – der „Zeit“-Jubel führt Zeugen von den USA bis China an –, aber außerhalb der Fakultät wurden die Echos verhaltener. Zugleich dünnte die Gelehrtenrepublik aus, außer Habermas meldet sich in Deutschland niemand mehr zu öffentlichen Angelegenheiten – doch, Dahrendorf und Enzensberger, beide auch Jahrgang 1929 –, und den Dialog mit Habermas führt auch kaum einer mehr – doch, Kardinal Ratzinger, Jahrgang 1927 (nach dem Gespräch im Jahr 2004 stellte Habermas klar, er sei „alt, aber nicht fromm geworden“).
Von Jüngeren – gar Philosophen, gar Habermas-Schülern – ist nichts zu vernehmen, das ist die Tragik des Dialogtheoretikers. Und die Herausforderung: In „Funktionswandel der Öffentlichkeit“ skizzierte er eine aufgeklärte/aufklärende Debattenkultur. Überfällig wäre ein „Funktionswandel II“, der den Ursachen des Niedergangs nachgeht.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.06.2009)