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Die dunkle Seite der Schokolade

Kakaobohnen
(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Die Elfenbeinküste ist der größte Kakaoexporteur der Welt. Aus dem westafrikanischen Land kommt der Rohstoff für die Weihnachtsschokolade. Doch viele Bauern sind arm, Kinderarbeit ist verbreitet. Ein Lokalaugenschein.

Abidjan. Der Weg führt über eine buckelige Sandpiste, links und rechts wächst dichtes Buschwerk. Der Regen hat breite Rinnen in die Straße geschwemmt, der Geländewagen muss sich durch Schlaglöcher und tiefe Pfützen kämpfen, bis er Tiemokokro erreicht. Das Dorf ist nicht weit weg von der Autobahn, die in der Elfenbeinküste die Metropolen Abidjan und Yamoussoukro verbindet. Doch es dauert fast eine Stunde, um mit dem Auto die wenigen Kilometer zurückzulegen.

Tiemokokro ist ein typisches Dorf für die Elfenbeinküste. Fast alle Bewohner sind Kakaobauern. Das westafrikanische Land ist der größte Kakaoproduzent der Welt: Mehr als ein Drittel der Welternte stammen von den dortigen Anbaugebieten. Aus diesen Bohnen wird in Europa die Weihnachtsschokolade gemacht. Eigentlich zukunftsträchtig: Die Nachfrage weltweit steigt, vor allem in den Schwellenländern. Doch von den Gewinnen der Großkonzerne ist hier wenig zu spüren.

In Tiemokokro gibt es kein fließendes Wasser und keinen Strom. Die Menschen leben in einfachen Lehmhütten, die Dächer sind mit Wellblech oder Plastikplanen bedeckt. Das Wasser kommt aus einem Brunnen, die Pumpe ist kaputt. Immerhin: Es gibt einen Samsung-Fernseher, der an einen Generator gehängt wird, wenn das ivorische Fußballnationalteam spielt. Ein Dorfbewohner hat eine Handyladestation aus Solarpanelen und einer Autobatterie zusammengebastelt. Das ist der einzige Luxus, den das Dorf zu bieten hat.

Der Kakaobauer Frédéric N'Guessan Kouassi hat 20 Familienmitglieder zu versorgen: zwei Ehefrauen, Kinder und Enkelkinder. Das Geld reichte einst kaum zum Leben. „Früher habe ich meinen Kakao an Libanesen verkauft, die uns ausgebeutet haben. Sie haben weniger als den staatlich festgesetzten Preis bezahlt“, erzählt er. Vor vier Jahren ist er einer Fairtrade-Kooperative in der nahegelegenen Stadt N'Douci beigetreten. Nun bekomme er den staatlichen Preis (derzeit umgerechnet 1,5 Euro pro Kilo Kakaobohnen) und Prämien, die sein Einkommen aufgebessert haben. „Mit dem, was wir verdienen, schicken wir die Kinder in die Schule.“

Die Schule ist eine Besonderheit des Ortes. In zwei Gebäuden mit jeweils drei Klassenzimmern werden die Kinder der gesamten Umgebung unterrichtet, etwa 250 Schüler. Deshalb wird Tiemokokro in der Gegend auch nur „das Dorf mit der Schule“ genannt. Sie war zerstört und wurde mithilfe von Fairtrade-Geldern wieder aufgebaut.

Der Alltag vieler Kinder sieht anders aus: Noch immer schuften Hunderttausende auf den Kakaoplantagen des Landes. Die NGO Fraternité sans Limites schätzt, dass 72 Prozent der Kinder zwischen sechs und 17 Jahren schon einmal solche Arbeiten verrichten mussten. Der Leiter der Hilfsorganisation, Joseph N'Guessan, nennt dafür drei Gründe: Tradition, fehlende Schulen – und die weit verbreitete Armut unter den Kakaobauern. „Es ist einfacher, die eigenen Kinder als Arbeitskräfte zu benutzen als bezahlte Mitarbeiter von außerhalb.“

Dabei ist der Kakaoanbau harte Arbeit, alles wird von Hand gemacht. Mit der Machete werden die Früchte von den Bäumen geschlagen und aufgetrennt. Die Bohnen werden auf der Plantage fermentiert und auf Holzmatten im Dorf getrocknet, bis sie in Säcke gefüllt und verkauft werden können.

 

Nachwuchsprobleme

In Tiemokokro haben sich fast alle Bewohner der Fairtrade-Kooperative in N'Douci angeschlossen. Im Gegenzug müssen sie soziale und ökologische Standards einhalten. Nur ein Teil der Prämie (200 US-Dollar pro Tonne), die die Kooperative erhält, wird an die Bauern ausgeschüttet. Der Rest wird investiert: in die Schule, in die Aufzucht von Jungpflanzen, die einen größeren Ertrag versprechen als die überalterten Bäume auf den Plantagen.

Viele hoffen, ihren Kindern damit eine bessere Zukunft geben zu können. Doch es schafft auch eine Unsicherheit für die Zukunft der Kakaoproduktion: Kaum ein Bauer möchte, dass der Nachwuchs in seine Fußstapfen tritt. Ein Mann aus dem Nachbarort Appiayaokro formuliert es ganz direkt: „Wenn meine Kinder Kakaobauern werden, wäre das ein Rückschritt. Sie sollen in die Stadt gehen und einen guten Job finden – als hohe Beamte oder so.“

Compliance-Hinweis:

Die Reise wurde von Fairtrade
Österreich finanziert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2015)