Nur die Kinder wissen, was sie suchen

Former Austrian Chancellor Schuessel gestures as he waits to testify in a parliamentary inquiry hearing investigating political responsibilities leading to the fail of Hypo Alpe Adria bank in Vienna
Former Austrian Chancellor Schuessel gestures as he waits to testify in a parliamentary inquiry hearing investigating political responsibilities leading to the fail of Hypo Alpe Adria bank in ViennaREUTERS
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Wieso begeistert der "kleine Prinz" noch immer Millionen Leser? Einer seiner größten Fans, Ex-Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, erklärt, was ihn an diesem Märchen berührt.

„Der kleine Prinz“ – von Antoine de Saint-Exupéry in dunkler Zeit 1942 im schmerzlichen US-Exil in Long Island geschrieben – ist ein Reisebericht durchs All und nach innen, eine Suche nach Sinn, eine Begegnung mit sich selbst. Ein unaufdringlicher Aufruf, nicht zu verharren. Ein Pamphlet gegen den Stillstand, das Sich-Ausruhen. Und eine Ermutigung, sich aufzumachen, den Sprung ins Unbekannte zu wagen, neue Wege zu suchen. Wer von uns spürt nicht manchmal eine Sehnsucht, die Tiefe und Weite zu erkunden, Gewissheiten und Antworten auf brennende Fragen zu finden? „Warum sprichst du immer in Rätseln?“, fragt der Prinz. „Weil ich sie alle löse...“, antwortet die Schlange.

Der kleine Prinz besucht verschiedene Planeten und trifft sie alle: die Mächtigen, die Macher, die eitlen VIPs, die Trinker und Süchtigen. Jeder ist in seiner eigenen Welt gefangen – unglücklich und blind für das Wesentliche. Der König ernennt ihn zu seinem Justizminister. Mangels anderer Untertanen „wirst du eben über dich selbst zu Gericht sitzen... Wenn dir das gelingt, bist du ein wahrhaft weiser Mann“. Der Geschäftsmann ist einer von den ganz Ernstzunehmenden. Zum Herumspazieren oder für Träumereien hat er keine Zeit; immerfort muss er seinen Besitz zählen. Die Eitlen wiederum hören gar nicht zu, sie warten immer auf Lobreden. Der Weichensteller klagt: „Nie ist man dort zufrieden, wo man ist.“


Die Schwermut ist uns nicht fremd. Betroffen lesen wir daher immer wieder: „Ganz eindeutig sind die Erwachsenen äußerst merkwürdig.“ Saint-Exupéry widmet das Buch Léon Werth, der dringend Trost nötig habe, und schreibt über ihn: „Dieser Erwachsene kann alles verstehen, sogar die Bücher für Kinder.“ Aber es ist dem Freund gewidmet, „als er noch ein Junge war“. Nur die Kinder wissen, was sie suchen.

Der einsame Prinz sucht einen Freund und trifft den Fuchs. „Zähmen heißt Bindungen schaffen“, „eine Sache, die man heute sehr vernachlässigt“, sagt der Fuchs. „Wenn du mich zähmst, wäre mein Leben wie von der Sonne erhellt.“ Schön, dass Peter Sloterdijk (anders als Hans Magnus Enzensberger) der Versuchung widersteht, den klassischen Satz „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für das Auge unsichtbar“ neu zu fassen.

Auch die Schwermut ist niemandem fremd, wenn man ehrlich ist. „Spiel mit mir, ich bin so traurig“, spricht der kleine Prinz den Fuchs an. Und das Buch schließt mit dem Satz: „Lasst mich nicht länger allein in meiner Traurigkeit. Schreibt mir umgehend, dass er zurückgekehrt ist...“

Es ist ein berührender Text gegen die Unterwerfung unter Zahlen, Statistiken, Daten, Krieg, Sorgen und Ernst. Ein Plädoyer für Lachen, Spiel, feste Bräuche, Sterne, die Schönheit der Sonnenuntergänge und die Einzigartigkeit einer Blume. Abschied und Auferstehung. Bindung und Glück.

Wen das kalt lässt, dem ist nicht zu helfen.


Wolfgang Schüssel war von 2000 bis 2007 Bundeskanzler von Österreich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.12.2015)

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