Beinahe ein Fall für Walt Disney

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Saint-Exupéry schrieb das Buch im US-Exil, Orson Welles wollte es verfilmen.

1943 veröffentlichte der New Yorker Verlag Reynal & Hitchcock Antoine de Saint-Exupérys „Kleinen Prinzen“. Ein Vorabexemplar ging an Orson Welles, den damals wohl größten Filmemacher der Welt. Welles suchte nach seinen beiden ersten Knüllern, „Citizen Kane“ und „The Magnificient Ambersons“, Material für einen neuen Film. „Der kleine Prinz“ gefiel ihm auf der Stelle – so sehr, dass er dem Flüchtling aus Frankreich die Filmrechte abkaufte und ein Drehbuch verfasste. Welles hatte für sich selbst die Rolle des auf einem fernen Stern gestrandeten Piloten vorgesehen, für die Produktion wurde er bei den Disney-Studios vorstellig. Damals verfügte in der Filmbranche niemand über die technologischen Fähigkeiten, um die aufwendigen Szenen von der Raumfahrt des Prinzen zu animieren.

Doch aus der Hollywood-Fassung von Saint-Exupérys Fabel wurde nichts. Das Projekt platzte, weil die Egos von Welles und Walt Disney nicht ein Einklang zu bringen waren. „In keinem Zimmer ist Platz genug für zwei Genies“, grollte Disney.


Zwischen zwei Frauen.
Das Drehbuch befindet sich heute im Besitz der Morgan Library in New York, genauso wie Saint-Exupérys Manuskript. Gewissermaßen ist „Der kleine Prinz“ in New York zu Hause. Hier hatte ihn Saint-Exupéry in den Jahren 1942 und 1943 entworfen, als er fern der Heimat, ohne nennenswerte Englischkenntnisse, voll Sorge vor Hitlers Vormarsch in Europa und zwischen zwei Frauen hin- und hergerissen, auf die Wiederaufnahme in die französische Luftwaffe der Armee Charles de Gaulles wartete (den er übrigens zutiefst verachtete: „Ich war deshalb nicht Gaullist, weil die Politik des Hasses für mich nicht die Wahrheit war“, schrieb er.). Die Salondame Silvia Hamilton war sein Vorbild für den Fuchs, der sehnsuchtsvoll auf die Wiederkehr des Prinzen wartet. Hamilton hatte er 1943 vor seiner Abreise das Manuskript geschenkt, ihr Pudel diente ihm als Vorbild für seine Schafzeichnungen. Modell für die Rose, deren Wert man erst aus der Ferne erkennt, war seine Ehefrau, Consuelo. Sie wusste von seinen Affären, er von den ihren. Wer das weiß, liest die Schlüsselpassage der Begegnung des Prinzen mit dem Fuchs, der ihn zum Abschied mahnt, er sei zeitlebens für das verantwortlich, was er sich vertraut gemacht habe (somit auch für die Rose), mit neuen Augen.

Saint-Exupéry sollte den Erfolg seines Buches nicht erleben. Am 31. Juli 1944 stürzte er vor Marseille ab; ungeübt im Umgang mit den neuen Maschinen, zu groß für das Cockpit und eigentlich zu alt. 1998 fand ein Fischer in seinem Netz Saint-Exupérys silbernes Armband; seit 2004 ist es mit Wrackteilen der Maschine im Luftfahrtmuseum von Le Bourget bei Paris ausgestellt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.12.2015)

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