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Wie die Masse uns verändert

Massen tun Menschen nicht gut – sie werden dadurch unter anderem primitiver, aber auch brutaler.
Massen tun Menschen nicht gut – sie werden dadurch unter anderem primitiver, aber auch brutaler.(c) Clemens Fabry
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Gerade im Advent bewegen wir uns als Teil einer Masse durch Einkaufsstraßen,Shoppingcenter und Weihnachtsmärkte. Wirklich geschaffen ist der Mensch dafür nicht.

„Tiere, die man so gedrängt hält, bringen sich gegenseitig um, sogar die Friedlichsten unter ihnen töten.“ Es ist die Masse, von der der Philosoph Eugen-Maria Schulak, Betreiber der Philosophischen Praxis in Wien, spricht. Jener Ansammlung von Menschen, wie sie etwa jetzt in der Vorweihnachtszeit wieder in Kaufhäusern, auf Einkaufsstraßen und in U-Bahnen unterwegs ist. „Der Mensch aber ist in Massen erstaunlich ruhig, er stellt sich quasi tot, vielfach auch emotional.“ Die Massen, in die wir vor allem jetzt im Advent, aber auch immer wieder unter dem Jahr gepfercht werden, und denen sich fast niemand mehr entziehen kann, entsprechen laut Schulak jedenfalls, wie er es formuliert, „keiner artgerechten Menschhaltung“.

Doch auch wenn der Mensch relativ gelassen bleibt, lassen ihn die Massen keineswegs unbeeindruckt. Im Kaufhaus kann das Geschiebe und Gedränge zweierlei auslösen. Schulak: „Zum einen gewinnen Waren an Wert, Massen in Kauftempeln suggerieren Knappheit. Wenn alles sich drängt, wird der Mensch gieriger, kauft mehr, bevor es der andere bekommt.“ Zum anderen, so der Philosoph, sei man aber in der Masse weniger bei sich, das souveräne, vernünftige Ich, das abwägt und einschätzt, werde gewaltig geschwächt.

Der Mensch gibt in Massen viel von seiner Persönlichkeit, seiner Kritikfähigkeit ab, sein Ich bleibt auf der Strecke, meint Schulak. „Ich gehe sogar so weit zu sagen, der Mensch ist verwirrt. Er lässt sich ununterbrochen fremderregen, und das kann auf Dauer nicht gesund sein.“ Selbst gescheite, differenzierte Menschen sind im Sog und unter dem Einfluss der Massen oft nicht mehr in der Lage zu reflektieren, was um sie herum geschieht. Den konkreten Auslöser dafür hat die Massenpsychologie, ein Teil der Sozialpsychologie, noch nicht gefunden. Es ist auch schwierig, denn Hypothesen lassen sich kaum bis gar nicht bei Experimenten überprüfen. So ist auch nicht eindeutig geklärt, warum oft nichtige Anlässe zu einer Massenpanik führen, warum Menschen in großen Kollektiven oft ein recht sonderbares Verhalten an den Tag legen.

Massen reduzieren auch das logische, vernünftige Denken, Massen verblöden Menschen sogar, meint Schulak. „Der Mensch vergröbert sich. Ich habe seit vielen Jahren tausende von Studenten unterrichtet und beobachtet, dass sie dümmer geworden sind. 80 Prozent können heute kaum mehr einen geraden Satz schreiben. Und das fällt nicht nur mir, sondern auch allen anderen Unterrichtenden auf.“ Diese kognitiven Einbußen führt Schulak auf das Massenphänomen zurück, „es besteht zumindest ein Zusammenhang. Wenn ohnehin keiner mehr rechtschreiben kann, will ich mich auch nicht mehr darum bemühen.“

Auch das derzeit niedrige Niveau der Diskussionskultur sei zumindest teilweise auf die Massen zurückzuführen. Es ginge vielfach nur noch darum, ob man für oder gegen etwas ist, Hintergründiges, Tiefgründiges habe keinen Platz mehr. „Auch Intellektuelle rutschen unter dem Einfluss von Masseneffekten immer wieder auf die Stufe simpler Werturteile ab.“


Nicht mehr verantwortlich

Der Mensch werde kleiner – und mitverantwortlich seien die Massen, auch die Massen an Botschaften, mit denen die Menschen heutzutage über TV, Internet, E-Mails, Apps, Facebook, Twitter bombardiert werden. Botschaften, die aber allesamt nicht aus dem Herzen kommen. Das macht unverantwortlicher: „In der Masse gibt es keinen Verantwortlichen, das Individuum fühlt sich nicht mehr verantwortlich.“ Früher, bei den alten Griechen, war jemand, der ein Gesetz vorschlug, für die Folgen verantwortlich, auch wenn andere dem Vorschlag zustimmten. „Heute gibt es das nicht mehr, Verantwortlichkeit.“ Das stellte schon der französische Soziologe Gustave Le Bon in seinem Hauptwerk „Psychologie der Massen“(1895) fest: Geschützt in der Anonymität der Menge geben Menschen ihre persönliche Verantwortung ab.

Soziologen gehen zudem davon aus, dass Massen den Menschen suggestibler machen, er wird leichter lenkbar. Aber auch kälter, abgebrühter. „Beobachten Sie nur Leute in einer vollen U-Bahn, sie stopfen sich etwas ins Ohr, starren in ihre Smartphones und wollen nicht mitkriegen, was sich um sie herum tut“, sagt Schulak. „Sie wollen abschalten, geistig wegtreten, weil diese Massen ja nicht artgerecht sind. Dieses Verhalten hat auch etwas mit Selbstschutz zu tun.“

In Großstädten seien Menschen daher oft unbewusst auf der Flucht, sie wollen sich nicht mit den Massen, nicht mit den Armen, mit sozialen Randgruppen, den Problemen konfrontieren, wollen nicht belästigt werden. Erwiesen ist: In New York gehen die Bürger viel schneller als in Wien, in Wien gehen sie viel schneller als in Graz, und in Graz gehen sie schneller als in irgendeiner Kleinstadt.

„Man kann das, was mit dem Fühlen und Denken in einer Masse passiert, mit Bazillen und Viren vergleichen. Man sucht sie sich nicht aus, man wird in der U-Bahn, im Kaufhaus, auf dem Christkindlmarkt einfach angesteckt.“ Schulaks Rat für einen gesunden Gegenschlag: Wenn möglich, wieder einmal bei einem kleinen Händler einkaufen, einen Spaziergang durch einen Wald machen, einen handy- und internetfreien Tag einlegen, vielleicht gerade im Advent. Um ein wenig aus der Masse auszubrechen. Und die sogenannte stillste Zeit des Jahres tatsächlich etwas leiser anzugehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.12.2015)