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Knechtschaft und Mord in Kärnten: „Das Wechselbälgchen“

FOTOPROBE: 'DAS WECHSELBAeLGCHEN'
"Das Wechselbälgchen"APA/HERBERT NEUBAUER
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Christine Lavants Erzählung wurde von Maja Haderlap dramatisiert, von Nikolaus Habjan für das Wiener Volkstheater inszeniert. Die Mischung aus Puppenspiel und Darstellern ist in ihren besten Momenten bewegend.

Sie könnten aus einem Bezirksmuseum stammen, die drei hohen, rundum verglasten, beweglichen Schaukästen mit braunen Rahmen, die als Bühnenbild (von Jakob Brossmann) im Volx dienen, der kleineren Spielstätte des Volkstheaters in Wien Margareten. Das Panorama in den Kästen erinnert vielleicht an das Lavanttal in der Zwischenkriegszeit. Vor den hohen, gemalten Bergen sieht man links ein Kirchlein, rechts einen Bauernhof und dazwischen viel Landschaft. Aber man sollte sich von der putzigen Idylle nicht täuschen lassen. Sie ist die Kulisse für ein wildes, abergläubisches Land vor gar nicht so langer Zeit, in dem Mägde geschlagen und missbraucht, unliebsame, behinderte Säuglinge gar ertränkt wurden.

Am Wochenende gab es die Uraufführung von Christine Lavants „Das Wechselbälgchen“ im Volx. Die Autorin und Dramaturgin Maja Haderlap hat die vor circa 70 Jahren geschriebene, zu Lebzeiten der Lavanttaler Dichterin nicht veröffentlichte Erzählung dramatisiert, der Puppenspieler und Designer Nikolaus Habjan führte Regie. Die Inszenierung ist durchwachsen – wunderbar in der Animation, sonst aber weniger animiert. Rührend ist der Abend jedenfalls, besonders wegen des hilflosen Balgs und seiner Mutter: Seyneb Saleh sieht als einäugige, an Krankheiten leidende Magd Wrga mit ihrem Kopftuch und in ihrer gebückten Haltung wie eine junge Inkarnation der Lavant aus.

 

Die gute Magd und der böse Knecht

Die Geschichte der Kuhmagd, die ein lediges Kind hat, vom berechnenden, neu ins Dorf gekommenen Knecht Lenz (Florian Köhler) umworben wird, der ihr ein zweites Kind macht, das erste aber, die behinderte Zitha, loswerden will, wird hier episodisch präsentiert. Dass die Darsteller immer wieder aus der Rolle fallen, um über sich und den Fortgang der Handlung zu erzählen, beschleunigt diese jedoch nicht, sondern wirkt eher behäbig, fast so statisch wie der Beginn. Da stehen die Schauspieler als Charade in den Schaukästen, treten aus ihnen heraus und entwickeln langsam die Szene.

Wrga wird vom Bauern ausgebeutet, kaum hat sie Zeit für Zitha, die so gerne mit den Dorfkindern spielt. Einmal, in einem unbeaufsichtigten Augenblick, ist sie in eine kochende Brühe gefallen, das Futter für die Schweine. Arg zerzaust sieht dieses Wesen aus. Und schon macht der Pfarrer Duldiger Druck – eine beeindruckende Puppe mit Klappmund. Penetrant weist er die Magd auf ihre Sündhaftigkeit hin, assistiert von der giftigen Weiddirn (die exzellente Claudia Sabitzer). Immerhin bietet der Bartl-Thoman (Gábor Biedermann) Wrga Trost und Hilfe, er ist eine Art wohltätiger, bloßfüßiger Aussteiger. Doch Wrga wendet sich Lenz zu. Der will sie vor allem deshalb, weil er von ihrem Glasauge Wunder erwartet. Das Paar geht auf Schatzsuche – vergeblich. Immerhin aber erhält Lenz eine Stelle als Beamter in der Gemeinde, so wird er die Knechtschaft los. Als sein eigenes Kind, Magdalena, auf die Welt kommt, empfindet er Zitha noch stärker als Belastung, verstärkt den Druck auf Wrga, indem er wieder die dunkle Sage vom Wechselbälgchen ins Spiel bringt: Ein Geist habe der Magd ihr erstes Kind genommen, ihr ein Unwesen unterschoben. Das könne man beseitigen, indem man es ins Wasser werfe.

So kalt und hart sind alte Dorfgeschichten. Fantastisch wirken in dieser Aufführung vor allem die Episoden, in denen die vier Darsteller als Puppenspieler agieren – dann sieht man tatsächlich eine Gruppe Kinder herumtollen, sieht, wie sie Zitha das Sprechen beibringen wollen. Man wird aber auch Zeuge davon, wie Zitha ihre kleine Schwester aus dem Wasser retten will. Plötzlich fühlt man sich im Volx selbst unter Wasser gezogen, ringt nach Luft. Vergeblich.

Termine im Dezember im Volkstheater in den Bezirken: 9. 12. Theatersaal Längenfeldgasse, 10. 12. VHS Urania, 13. und 14. 12. VZ Donaustadt, 17. 12. VZ Erlaa, 18. 12. VZ Großjedlersdorf, 20. 12, Simm City, 21. 12. VZ Leopoldstadt, jeweils um 19.30 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.12.2015)