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Wissenschaftsrat: Kritik an Wiener Uni-Krebsforschung

(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)
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Angegriffene Wissenschaftler wehren sich: Attacken gegen die Gutachter. Die Beurteilung wurde einem Team aus dem Ausland aufgetragen um Objektivität zu gewährleisten.

Wien.Beim Thema „Krebs“ gehen leicht die Emotionen hoch. Am Donnerstag waren es aber nicht die Emotionen betroffener Patienten, die für Aufregung sorgten, sondern die Reaktionen führender Wiener Wissenschaftler auf einen Bericht, den das Wissenschaftsministerium in Auftrag gegeben hatte. Ziel der Studie (durchgeführt vom Österreichischen Wissenschaftsrat) war es, einen Status quo der Krebsforschung in Österreich an den drei medizinischen Universitäten in Wien, Graz und Innsbruck zu erheben, Stärken und Mängel aufzuzeigen und Vorschläge zur Weiterentwicklung abzugeben.

Die Beurteilung wurde einem Team aus dem Ausland aufgetragen – der Blick von außen soll Objektivität gewährleisten. Nun bezweifeln die im Bericht kritisierten Institutionen wie die Klinische Abteilung für Onkologie des AKH Wien und der Rektor der Medizin-Uni Wien, Wolfgang Schütz, die Seriosität der Gutachter. Manche der ausschließlich aus Deutschland stammenden Gutachter hätten angeblich weniger wissenschaftliche Publikationen vorzuweisen als „junge Oberärzte in Wien“, so Schütz. Auch dass drei der fünf Professoren aus ein und derselben Universität (Ulm) stammen, sorgte für Unbehagen bei den evaluierten Stellen. Schon im Jänner hatte Schütz den Gutachtern „eklatante Fehler, Simplifizierung und mangelndes Zeitbudget“ vorgeworfen.

Letzteres, den Zeitdruck, gesteht Horst Kern vom Wissenschaftsrat ein. Man habe bei der Auswahl „pragmatisch“ vorgehen müssen, da zwischen dem Auftrag und der geplanten Fertigstellung nur wenige Monate Zeit lagen. Das Gutachterteam umfasste jedoch drei Direktoren wichtiger deutscher Unikliniken, die Evaluierung erfolgte durch die Beantwortung von Fragebögen und eine je eintägige Begehung der drei Medizin-Unis.

Heraus kamen „Empfehlungen zur Onkologie“, der 135 Seiten lange Bericht ist beim Wissenschaftsrat online einsehbar. Der Medizin-Uni Wien wird dabei keine Schwäche im Bereich von Forschung und Therapie der Krebspatienten vorgeworfen. Im Gegenteil, die „starke klinische Forschung“, die „Etablierung von nationalen und internationalen Studiengruppen mit sehr guter Außenwirkung“ werden positiv hervorgehoben.

Kritik bringt der Bericht an der „Existenz von Parallelstrukturen“ in Wien an, die kein einheitliches universitätsweites Konzept erblicken lassen: Die Krebsforschung und Versorgung der Medizin-Uni ist in Wien auf mindestens 14 Kliniken und Institute verteilt. Die Einbindung anderer Forschungseinrichtungen wie etwa des Vienna Biocenters sei nicht ausreichend. Zwar könne innerhalb vieler kleiner Gruppen eine positive Spezialisierung stattfinden, doch sei das Aufrechterhalten der Parallelstrukturen Kostenverschwendung, da Infrastruktur nicht abteilungsübergreifend genutzt werde. Die Empfehlung sieht ein Comprehensive Cancer Center (CCC) nach amerikanischem Vorbild vor, bei dem Forschung und Krankenversorgung auf höchstem Niveau zusammenarbeiten.

 

Hahn nimmt Bericht „ernst“

Im Wissenschaftsministerium wird die Wiener Kritik zurückgewiesen. Minister Johannes Hahn betont, dass er den Bericht „ernst“ nehme, sowohl die positiven Stellen als auch die inhaltliche Kritik an der Medizin-Uni Wien. Über die Struktur mit ihren vielen kleinen Einheiten will Hahn vorerst nichts sagen, da er in einem nächsten Schritt alle Betroffenen zu einem Round Table einladen wird. Dass der Bericht unter Zeitnot erstellt wurde, will Hahns Ministerbüro nicht gelten lassen. Anerkannte Gutachter hätten, so dies der Fall gewesen wäre, eine Fristerstreckung gefordert.

Angesichts des Anstiegs der Krebserkrankungen könnte die Onkologie bereits ab 2010 das wirtschaftlich bedeutendste Therapiegebiet sein. In Graz und Innsbruck, so der Wissenschaftsrat, werden die Empfehlungen schon umgesetzt. Meinung Seite 31

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.06.2009)

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