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„Ich lasse auf sie schießen“

„Die Hottentottenwerft“: Im Zentrum des Romans von Ludwig Fels steht die deutsche Kolonialpolitik. Der aus armen Verhältnissen stammende Soldat Crispin Mohr erlebt die brutale Behandlung der Hereros und träumt ohnmächtig dagegen an.

Mitten hinein in den prekären Frieden zwischen Indigenen und Kolonialisten verliebt sich der Soldat in die einheimische Prinzessin. Aber auf beiden Seiten stehen Realität, kulturelle Abgründe und Gier gegen den Frieden und die Liebe, so groß sie auch sein mag, sie kann den Krieg nicht aufhalten. Am Ende wird die indigene Bevölkerung dezimiert, der Fortschritt siegt und die Liebenden sterben. Das ist die Formel des Indianerfilms als melodramatisches Subgenre des Western.

Das Genre ließ sich allerdings schon langvor Hollywood auf die Eroberung Lateinamerikas durch die Konquistadoren anwenden, später auf die Ausrottung der Tasmanier oder die der Hereros und Nama in Deutsch-Südwestafrika, deren Hottentottenaufstand von 1904 bis 1908 von Lothar von Trotha mit äußerster Brutalität niedergeschlagen wurde. Seine Ankündigung dafür lautete: „Ich sage dem Volk (der Hereros): Jeder der einen der Kapitäne an eine meiner Stationen als Gefangenen abliefert, erhält 1000Mark, wer Samuel Maharero bringt, erhält 5000 Mark. Das Volk der Herero muss jedoch das Land verlassen. Wenn das Volk dies nicht tut, so werde ich es mit dem Groot Rohr (Geschütz) dazu zwingen. Innerhalb der Deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück oder lasse auf sie schießen.“ Hannah Arendt sieht in dieser deutschen Kolonialpolitik „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“, sozusagen eine Generalprobe für die Endlösung 40 Jahre später.

Im Roman „Die Hottentottenwerft“ erzählt Ludwig Fels diese Geschichte aus der Perspektive des Reiters Crispin Mohr (!), der, aus kleinen Verhältnissen in Pappenheim stammend, davon träumt, mit seinem Sold in Südwestafrika eine Farm zu kaufen und dann die Mutter und sein Mädchen, Seffie Zentner, nachkommen zu lassen. Die Unternehmerstochter heiratet allerdings bald nachseiner Abreise einen anderen. Ludwig Fels bringt Klassen- und Rassenunterschiede in Beziehung. Da ist es nur logisch, dass sich Mohr, dieser reine Tor, je blasser seine Erinnerung an das Mädchen daheim wird, immermehr in Hulette, die Enkelin des Hottentottenkapitäns Abrams Ximenz, verliebt.

Das lässt ein sentimentales „Genrestück“ befürchten, einen politisch korrekten Geschichtsroman oder ein Remake von Uwe Timms dokumentarisch fundiertem Roman „Marengo“ (1978). Aber die virtuose Prosa von Ludwig Fels macht alle diese Bedenken zunichte. Mit ihren 14, in kürzere Abschnitte unterteilten Kapiteln bietet „Die Hottentottenwerft“ – „Werft“ bedeutet hier keine Anlage zum Schiffsbau, sondern einen Wohnhügel über dem Meer oder eine Siedlung der Ureinwohner – eine atemlose, mitreißende und dabei perfekt getimte Lektüre. Mohr und seine Kameraden kommen an die Küste Afrikas, die jungen Männer werden geschliffen, trinken, langweilen sich, bilden ihre Hackordnung aus, sehnen sich nach Frauen. Und während sie noch versuchen, diesen fremden Kontinent zu begreifen, verlieren sie mit Ausnahme Mohrs schon alle Träume.

Wie Ludwig Fels die jungen, aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Besatzungssoldaten durch ihre lakonischen Dialoge charakterisiert, wie er die besser Gestellten – Offiziere und Farmer – Briefe schreiben lässt, deren biedermeierlich verlogene Argumentation ihren rassistischen Feudalismus bemäntelt, und vor allem wie er historisch präzise Details mit einem geradezu hohen, poetischen Ton verbindet, zeigt Ludwig Fels als einen Autor, der das Instrumentarium unterschiedlicher literarischer Formen und Perspektiven meisterhaft beherrscht.

Kapitän Abrams Ximenz hat seine Enkelin Hulette zu Hauptmann Suck geschickt, der erst mit dem Mädchen schläft und es dann von seiner nachgekommenen, bigotten Frau bis aufs Blut quälen lässt. Fels schildert, wie die deutschen Kolonialherren ihre sexuelle Energie als Gewalt- und Unterdrückungsmechanismus der Entmenschlichung instrumentieren. Allmählich verdichten sich die Irritationen: Die Eisenbahn wird zum Entgleisen gebracht, Lottchen, der Hund des Kommandanten, zerfleischt ein Kamel, Rubyniak desertiert, ein anderer wird aus dem Hinterhalt erschossen, was zum Anlass für eine Strafaktion wird, die der Verlautbarung Lothar von Trothas exakt entspricht.

Mohr verfolgt dieses Geschehen ohnmächtig und träumt dabei von der Liebe. Die Richtung seiner erotischen Energie kehrt sichin einer logischen Entwicklung gewissermaßen um: Je mehr er Hulette liebt, desto stärker fühlt sich (der) Mohr (!) den Hottentotten zugehörig. Er flieht zuletzt und kommt am Ende, bei dem Fels dem Leser nichts erspart, mit seiner Geliebten um – wären da nicht seine Träume, die über diese Geschichte und womöglich Mohrs Tod hinausreichen.

Ludwig Fels setzt die bekannte Leseerfahrung, nach der Erzählungen durch Träume oder Landschaftsbeschreibungen stark gebremst werden, außer Kraft. Die Träume Mohrs, von seiner Umwelt durchaus wahrgenommen, sind von einer Macht, die fast – aber eben nur fast – die koloniale Realität sprengt. Wenn Mohr, dieser naive Tor, seine Sehnsüchte in grellen Landschaften und unter plastischen Wolkengebirgen halluziniert, fällt einem das neunte Kapitel von Thomas Pynchons „V“ ein. Dessen Inhaltsangabe lautet „Kurt Mondaugen erlebt in Foppls Landhaus einen Aufstand der Eingeborenen“.

Anders als in Pynchons Phantasmagorien über den Hottentottenkrieg findet sich bei Fels ein präzises Abbild der deutschen Kolonialgesellschaft, zu der ein Sjambok, die Nilpferdpeitsche oder Lottchen, der mörderische Hund des Hauptmannes Suck, ebenso gehören wie die sinnfällige Auswahl der Protagonisten. Zu Mohrs Freunden zählen der pragmatische Rubyniak und der Bücherwurm Elchelepp, zu seinen Feinden das homoerotische Paar Glatzel und Katzenenschlager, die von Ferne an Delamarche und Robinson in Kafkas „Der Verschollene“ erinnern. Die Unterhaltungen der Soldaten – Fels führt in seinem Dankeswort auch Cormac McCarthy an – erinnern in ihrer existenziellen Lakonie an den früheren Arbeiterdichter. Und es ist kein Zufall, dass von Mohrs Freunden alle, von seinen Feinden nur wenige und von den Offizieren weder der kommandierende Hauptmann noch der versoffene Tierarzt Patarga oder der schleimige Militärkaplan von Wilhelmi zugrunde gehen. Die Hereros überleben ohnehin nur zum kleinsten Teil, von geschätzten 80.000 lebten bei der Volkszählung 1911 nur noch 15.130; bei den Nama wardas Verhältnis kaum besser.

Mit dem Roman „Die Hottentottenwerft“ legt Ludwig Fels ein sehr engagiertes und ungeheuer spannendes Buch vor, das kaum in eine Schublade passt. Bei aller moralischen Wucht, bei aller erzählerischen Virtuosität ist „Die Hottetotenwerft“ weder modern noch postmodern und altmodisch schon gar nicht, Ludwig Fels' Buch ist eine Klasse für sich. ■

Ludwig Fels

Die Hottentottenwerft

Roman. 392 S., geb., € 24,90 (Jung und Jung Verlag, Salzburg)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.12.2015)