Syphilis in Skeletten vom Domplatz St. Pölten

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(c) APA/LAND STEIERMARK (LAND STEIERMARK)

Gerichtsmedizin. Wiener Forscher lüften bei großen Ausgrabungen in St. Pölten das Geheimnis um die Verbreitung von Syphilis in Europa: Kolumbus' Seeleute dürften eine aggressive Form aus Amerika eingeschleppt haben.

Die Zahl der Syphilisinfektionen steigt weltweit. Auch in Zentraleuropa, aber vor allem in Gegenden, in denen die Krankheit mangels ausreichender medizinischer Versorgung kaum bekämpft werden kann. An der Med-Uni Wien arbeiten Forscher daran, die DNA des Syphiliserregers zu rekonstruieren. In internationaler Zusammenarbeit suchen sie Proteine, die typisch für den Syphiliserreger sind. Dies geschieht auch mithilfe der Proteomik, der Untersuchung der Gesamtheit aller Proteine.

Der Anthropologe Fabian Kanz vom Department für Gerichtsmedizin der Med-Uni Wien hat hohe Erwartungen: „Die publizierte Studie und das geplante Projekt werden zu einem besseren Verständnis der Entstehungsgeschichte des Syphiliserregers Treponema pallidum und seiner Unterformen beitragen. Dies kann zu neuer Diagnostik und Therapien bei rezenten Syphiliserkrankungen führen.“ Johanna Sophia Gaul, Karl Grossschmidt, Christian Gusenbauer und Kanz gehören zu dem Team, das mehr als 1000 Skelette analysiert, die bei städtischen Ausgrabungen auf dem Domplatz von St. Pölten freigelegt worden sind.

In den schon vier Jahre dauernden Ausgrabungen bargen die Wissenschaftler etwa 9000 Individuen, die zwischen dem 8. und 17. Jahrhundert auf dem Stadtfriedhof von St. Pölten begraben wurden. „Wir haben hier ein Dorado für die Forschung“, sagt Großschmidt. „So kann die Geschichte verschiedener Krankheiten untersucht werden“.

Die Schnellbefundung nach Geschlecht und Alter findet vor Ort statt. Pathologische Skelette werden sofort nach Wien gebracht und dort analysiert. Als auffällig gelten vor allem Veränderungen an Knochen und Zähnen. Im Zentrum für Anatomie und Zellbiologie der Med-Uni Wien können sie histologisch mit Knochendünnschliffen analysiert werden. Mit spezieller Lichtmikroskopie wird auch der morphologische Nachweis des Syphiliserregers ermöglicht.

 

Syphilis im 14. Jahrhundert

An etwa 40 Fällen konnten die Forscher nachwiesen, dass die Personen bereits längere Zeit an Syphilis erkrankt waren. Einige dieser Fälle weisen die kongenitale Syphilis auf, die von der Mutter auf das ungeborene Kind übertragen wird.

Da diese Menschen zwischen 1320 und 1390 gelebt haben, könnten sie das Geheimnis um den Ursprung der Syphilis enthüllen. Darüber tobt in der Anthropologie seit Jahrzehnten ein Streit. Wurde Syphilis erst 1493 von den Seeleuten des Kolumbus nach Europa gebracht oder gab es bestimmte Subtypen bereits vorher?

Vor allem amerikanische Wissenschaftler vertreten die These, dass Kolumbus und seine Seeleute die Seuche im Jahr 1493 aus Amerika nach Europa eingeschleppt haben. Doch es haben sich immer wieder Hinweise auf viel frühere Syphiliserkrankungen in Europa gefunden, u. a. in Pompeji und der Türkei. Diese wurden von amerikanischen Forschern mit den Argumenten bezweifelt, entweder hätten die auffälligen Knochenfraßnekrosen an den Skeletten gefehlt oder es habe das Risiko einer Fehldatierung bestanden.

Die Veränderungen an den Knochen könnten aber auch durch von anderen Treponema-Bakterien verursachte Infektionen hervorgerufen werden. Kanz geht davon aus, dass „durch Kolumbus eine Form von Syphilis nach Europa gekommen ist, die aggressiver war, das heißt, eine höhere Mortalität hatte“.

LEXIKON

Die angeborene Syphilis weist spezifische Symptome auf, beispielsweise linsenförmige Einkerbungen an den Schneidezähnen oder maulbeerartige Wölbungen der Backenzähne bei Kindern, die sich während der Schwangerschaft mit Syphilis angesteckt haben. Der Zahnschmelz wird zum Teil schon während der Zeit im Mutterleib verändert. Diese Fehlbildungen werden als Mulberry Molar oder Hutchinson-Zähne bezeichnet, benannt nach dem britischen Arzt Jonathan Hutchinson.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.12.2015)